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Dienstag, 5. Mai 2026

Volksmusik und Orgelklänge aus Siebenbürgen

 Ursula Philippi interpretierte auf BAYERN 4 KLASSIK

BAYERN 4 KLASSIK ist ein Sender des BAYERISCHEN RUNDFUNKS, der rund um die Uhr so genannte E-Musik, also ernste Musik sendet. Dazu gehören oft auch sehr interessante und vor allem lehrreiche Programmpunkte, die den Radiohörer mit den vielfältigsten Musiklandschaften der Welt vertraut macht. Dabei werden die Pfade der reinen klassischen Musik verlassen und das kann zu einer höchst spannenden Gratwanderung zwischen wahrer Volksmusik (hat nichts gemeinsam mit der bis zum Überdruss in Deutschland produzierten volkstümlichen Musik), Jazz, Kirchenmusik und neuen experimentellen Klangformen führen.
Am 3. März präsentierte BAYERN 4 KLASSIK in der Sendereihe Musik der Welt den Beitrag Auch wenn ich morgen sterben würde, werde ich heute noch ein Fest feiern. Als Autor zeichnete Rolf Killius. In der Programmvorschau des Senders hieß es dazu: „Hier mischen sich seit Jahrhunderten die Musikkulturen der Ungarn, Rumänen und Zigeuner zu temperamentvollen Tänzen und Liedern, die bei Bauernhochzeiten, Taufen und Beerdigungen gespielt werden. Zum Beispiel von der in Transsylvanien berühmten Zigeunergruppe >Taraful din Mociu< in der typischen Dreier-Besetzung: Der Sologeiger, der die Melodie vorgibt und improvisiert, wird von der Kontra begleitet – einer dreisaitigen Geige mit abgeflachtem Griffbrett, auf der nur Akkorde gespielt werden. Rhythmus und ein bordunartiger Grundton werden vom Bassisten auf dem dreisaitigen Kontrabass oder Gordon beigesteuert. Bei größeren Festen tritt verstärkend ein Akkordeonspieler hinzu.“ Was der erwähnte Taraf zu bieten hatte, war für so manches deutsche Ohr bestimmt ungewohnt, aber sicher auch faszinierend.
Mit eher vertrauten Klangfarben wurden dann am Sonntagabend, dem 18. März, die Hörer von BAYERN 4 KLASSIK bedient. Kirchenmusik stand auf dem Programm, und die erfährt ja bekanntlich in den letzten Jahren in Deutschland einen sehr erfreulichen Höhenflug. Kirchenkonzerte gehören allerorts zu den meist geschätzten Kulturveranstaltungen. Ist ein Opus von Bach, Händel, Buxtehude, Vivaldi, Krebs u.v.a. fester Bestandteil deutscher Kirchenmusik, so fielen in der Sendereihe Orgelstunde an jenem Abend (22:05 Uhr) ganz andere Namen. Das war aber insofern nicht verwunderlich, als die Sendung unter der Überschrift lief: Orgellandschaft Siebenbürgen. Es waren hier zu Lande selten oder nie gehörte Werke zu hören. Die gesendeten Stücke wurden alle von Ursula Philippi eingespielt.
Als erstes erklang Musik des späten 16. Jahrhunderts aus der Sammlung Il Transilvano von Girolamo Diruta, vorgetragen auf dem Orgelpositiv in Michelsberg. Von Balint Bakfark (1507 – 1576) spielte Ursula Philippi Fantasia in D auf dem Ha(a)hn-Orgelpositiv der Evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt. Es folgten eine Fuge von Johann Erasmus Kindermann (1616 – 1655) und drei Choralbearbeitungen von Daniel Croner über Was mein Gott will aus dessen 1681 veröffentlichtem Tabulaturbuch. Auch auf der Metz-Orgel in Martinsberg wurden zwei Kompositionen von Daniel Croner dargeboten: Toccata in G und Bicinium und Trio über Wo Gott zum Haus nicht gibt sein Gunst. Die Fantasie-Sonate in d-Moll von Johann Leopld Bella (1843 – 1936) wurde auf der Sauer-Orgel der Evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt gespielt. Auf dem gleichen Instrument interpretierte Ursula Philippi in ihrer gefühlvollen und manchmal recht virtuosen Art, aber immer dem Raum und seiner jeweils spezifischen Akustik gerecht werdend, die Choralbearbeitungen Mit Fried und Freud und Sollt ich meinem Gott von Waldemar Edler von Baußnern (1866 – 1931). Als letztes war dann Partita 2 über ein rumänisches Volkslied von Tudor Ciortea zu hören, ein Werk, das nicht nur die eingangs erwähnte gelungene Gratwanderung zwischen unverfälschter Volksmusik und Klassik unterstreicht, sondern auch verdeutlicht, wie wichtig urwüchsige, im Volk gediehene Melodien für die Inspiration der Komponisten anderer Musikarten schon immer waren und auch bleiben werden.
Volksmusik und Orgelmusik aus Siebenbürgen konnten dank dieser lobenswerten Sendungen des BAYERISCHEN RUNDFUNKS einen wesentlichen Beitrag zur Ankratzung des Dracula-Klischees in Deutschland leisten. Langsam aber sicher werden sich durch das Vermitteln kultureller Werte Rumänien im Allgemeinen und Siebenbürgen im Besonderen als erlebniswerte Landschaften im Bewusstsein so mancher Bundesbürger einen Sympathiebonus erwerben.
Mark Jahr

aus KARPATENRUNDSCHAU, Kronstadt, 12. Mai 2001

Donnerstag, 2. April 2026

Ohrwürmer von OPUS 5

 
Bläsermusik vom Generalbasszeitalter bis in die Gegenwart präsentieren eine Posaunistin, ein Hornist, zwei Trompeter und ein Tubist auf einer CD unter dem Titel Wonderbrass. Was auf den ersten Blick besticht, ist das Alter oder besser gesagt, die Jugend dieses Ensembles. Umso überraschter darf man darum sein, wenn man sich die Interpretationen der Einspielung anhört.
Die Sonate aus einer Bänkelsängerlieder-Sammlung des 17. Jahrhunderts lässt uns in ihrer herzerfrischenden Vortragsweise den dieser Liedgattung oft zugeschriebenen Frevelinhalt erahnen. Ein zünftiger Auftakt, würde man heute in manierierter Jahrmarktsprache wohl sagen.
Doch schnell wendet das jugendliche Quintett sich dem Ernst des Lebens zu. 1722 und 1744 erschienen die zwei Bände des Wohltemperierten Klaviers. 48 Präludien und Fugen, das sind jeweils ein kurzes Vorspiel und eine folgende „Flucht“ einer Hauptstimme vor einer oder mehreren Nebenstimmen, hat Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) darin veröffentlicht. Neunzehn weitere Werke dieser Gattung komponierte er für die Orgel. Wie ein Stück mit Blasinstrumenten klingt, führt OPUS 5 uns eindrucksvoll mit Präludium und Fuge e-Moll BWV 555 vor. Das Werk entstammt einer Sammlung von acht Präludien und Fugen, die Bach in seinen frühen Weimarer Jahren für seine Schüler geschrieben haben könnte. Als diese CD aufgenommen wurde, waren die fünf Instrumentalisten auch noch alle Schüler oder Studierende.
Das folgende Stück stammt aus der Feder des Franzosen Jean Joseph Mouret (1682 – 1738) und ist mit Rondeau überschrieben. Es handelt sich um ein Ritornell, das als Vor- und Nachspiel die Pausen zwischen den Chorälen auszufüllen hatte. Dementsprechend kurz ist auch das hier aufgeführte Werk.
Heinrich Finck (um 1445 – 1527) wurde in seinem musikalischen Schaffen als Großmeister apostrophiert und sogar mit Albrecht Dürer verglichen. Im Jahre 1536 erschienen Schöne auserlesene Lieder des hochberühmten Heinrici Finckens. Daraus hören wir die Instrumentalfassung des Liedes Greiner Zanner.
Antonio Vivaldi (1678 – 1741) ist einer der produktivsten Tonschöpfer überhaupt. 49 Opern und sage und schreibe 300 Konzerte umfasst sein Mammutwerk. Von den kleineren Vivaldi-Kompositionen spielt die Gruppe OPUS 5 die Sonate in Es-Dur.
Canzona per Sonare No. 4 ist ein Werk des Venezianers Giovanni Gabrieli (um 1557 – 1612), das die Experimentierfreudigkeit dieses Tonkünstlers dokumentiert und auf dieser CD zu hören ist. Gabrieli war ab 1586 Organist an der Münchner Markuskirche, deren Doppelchörigkeit er voll ausnutzte. In seinen Instrumentalwerken sollen sich bisweilen 22 Stimmen gleichzeitig tummeln.
Anton Bruckner (1824 – 1896) ist der Inbegriff großer sinfonischer Dichtung. Man stellt sich riesige Klangkörper und gloriose Hymnik, die unserer Schnelllebigkeit trotzig die Stirn bietet, vor. Bruckners 8. Sinfonie füllt allein einen Konzertabend aus. Da durfte man gespannt sein, was fünf angehende Bläserprofis aus so einem Nimbus machen. Oh ja, in Introduktion und Postludium f-Moll schwingt wirklich ein Hauch von barocker Erhabenheit.
Die Suite for Brass Quintett bietet einen kurzen Einblick in Edward Hagerup Griegs (1843 – 1907) Werk und macht uns vertraut mit den Klängen des hohen Nordens. Die eigenständige Klangfarbe steht in wohltuendem Kontrast zu dem bisher Gehörten.
Mit Klaus-Peter Bruchmann (geb. 1932) präsentiert OPUS 5 einen zeitgenössischen Komponisten, der auch zahlreiche Blasorchesterwerke geschrieben hat. Das hier gespielte Stück Cinq pour Cinq bringt den Gestaltungsbogen des Komponisten voll zur Geltung: Prelude, Walzer, Gavotte, Chanson, Can-Can.
Ja was klingt denn da zum Schluss? „Wenn du mal in Hawai bist / Und wenn es grade Mai ist / Und wenn dein Herz frei ist, / Dann komm zu mir“. Und das im saloppen Foxtrott-Rhythmus. Warum nicht? Eine hervorragende Idee, diese Hommage an die leichte Muse. Jan Koetsier (geb. 1911) hat den Kleinen Kinderzirkusmarsch op. 79/b geschrieben, und die soeben den Kinderschuhen entwachsenen Protagonisten der im wahrsten Sinne des Wortes Wonderbrass-CD haben ihn reizend interpretiert.
OPUS 5, das sind: Steffi Scheuer (Posaune, sie war Schülerin des aus Temeswar stammenden Posaunisten der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen, Hans Breika), Winfried Haag (Trompete), Thomas Hammes (Trompete), Andreas Heinz (Horn) und Siegfried Jung (Tuba). Letzterer wurde in Jahrmarkt / Banat geboren und seine zwei ersten Lehrer waren Mathias Loris und Oswald Windrich, beide ebenfalls aus Jahrmarkt stammend. Bei der Gala junger Banater Solisten anlässlich des Heimattages der Banater Schwaben im Jahre 2000 war Siegfried Jung als einziger Bläser ein würdiger Vertreter der Banater Bläsertradition.
Wer wissen will, warum OPUS 5 von Burgund bis Moskau und Sankt Petersburg zu Konzerten eingeladen wird, der sollte sich diese CD anhören. Lyrisch, harmonisch, rhythmisch exakt, dynamisch, sind nur einige der Eigenschaftswörter, die diese Scheibe verdient, ganz zu schweigen von der perfekten Intonation.
Anton Potche

aus BANATER POST, München, 20. April 2001

Donnerstag, 6. November 2025

„Mag dein Stern sich strahlend heben“

Laut astronomischen Gesetzen können wir das Leuchten von Sternen noch lange nach ihrem physischen Verschwinden sehen. Während diese Himmelskörper schon längst untergegangen sind, ist das Licht, das sie einst ausstrahlten, noch immer zu uns unterwegs.
Wie weit waren sie damals, vor 100, 200 und mehr Jahren, von den Menschen ihrer Zeit entfernt, die Sterne am Literatur- und Musikfirmament? Reflektieren die Rezensionen jener Zeiten auch den Rezeptionsgrad ihrer Werke bei den jeweiligen Zeitgenossen, den Menschen, die nicht direkt in den Literatur- und Musikbetrieb involviert waren? Sahen die Menschen das Leuchten, das aus ihrer Mitte den Weg in die Zukunft antrat? Wir wissen es nicht genau. Gewiss ist aber, dass so manchen längst verblassten Sterns Licht unsere Gegenwart erreicht hat.
Seit 150 Jahren ist nunmehr das Licht des Lyriksterns Nikolaus Lenau unterwegs, und es gibt Gott sei Dank immer noch Menschen, die angekommene Lichtstrahlen des Genius‘ der Melancholie bündeln und uns in einer Zeit der kühlen Ratiodominanz zum Mitfühlen ermuntern. Christine Muranyi und Anton Bleiziffer sind zwei Beispiele dieses Menschenschlags, und sie zeichnen stellvertretend für den Freiburger Singkreis.
Diesmal steht ihre Signatur auf der Festschrift und der CD „Mag dein Stern sich strahlend heben – Zum 150. Todestag Nikolaus Lenaus – Zehn Jahre Freiburger Singkreis“. Beide, Festschrift und CD, sind in einer bescheidenen Creme-Farbe gehalten, und ihr Inhalt ist eine ehrfurchtsvolle Verneigung vor dem Werk des großen Naturlyrikers. Jede geografische Fessel sprengend, war Lenaus Werk eine stete Herausforderung an den ewigen Drang der Töne nach Freiheit.
Strahlende Sterne am Musikhimmel wie Robert Schumann, Franz List, Felix Mendelssohn-Bartholdy u.a. nahmen diese Herausforderung an, und in der BANATER POST vom 5. April ist aus der Feder von Andreas Hauser zu lesen: „Alles was ich hören wollte, das kam an. Schilflieder, Das Posthorn, Die drei Zigeuner, Bitte, An die Melancholie und all die anderen wurden rezitiert und vom Singkreis dargeboten, dass es eine Wonne war … Der gelungene Wechsel zwischen Gedicht, Lied, Kommentar und Lichtbild brachte einen Rhythmus hervor, der in mir den Wunsch aufkeimen ließ, das ganze würde so schnell nicht enden.“ Es muss auch nicht enden. Das Licht des Lenau-Sterns kann unsere Wohnzimmer zu jeder Stunde erhellen.
Der Freiburger Singkreis hat neun Lenau-Lieder auf eine CD aufgenommen. Die drei Zigeuner wurde von Theodor Meyer-Steineg vertont und Bitte erklingt in einem wunderschönen Kanon von Walter Michael Klepper. Zu weiteren sieben Lenau-Gedichten komponierte Anton Bleiziffer Lieder, die sich allerdings nicht an die Tradition des klassischen Liedguts anlehnen, sondern eher in eine Volksliedersammlung passen. Und da sind sie bestimmt in bester Gesellschaft. Wer denkt heute noch an Goethe und Schubert, wenn Heideröslein erklingt, oder an Claudius und Johann Peter Abraham Schulz (1747 – 1800), wenn es im Chortext heißt: „Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen am Himmel hell und klar.“
Klare Dreiviertel- und Viervierteltakt-Gliederungen deuten auf die Musikalität der Verse Lenaus hin. Das könnte auch damit zusammenhängen , dass der Dichter selbst ein hervorragender Musiker war. Es ist Bleiziffer gelungen, die Ehrlichkeit aus Lenaus Gemütslyrik in melodische Themen so einfließen zu lassen, dass sowohl das Wort als auch die musikalische Phrase ihre Aussagekraft beibehalten: Schon das erste Lied, An die Entfernte, kann als Überraschung gewertet werden. Die Idee, eine klare, aber wortlose Frauenstimme (die Entfernte) in Oktavenhöhe über sehnsüchtigen Männerstimmen schweben zu lassen, lässt sofort jeden Zweifel, dass hier vielleicht oberflächliche Lagerfeuerromantik erklingen könnte, erblassen. Bleiziffer wusste genau, was er in seinem Unterfangen der Lichtgestalt Lenau schuldet. Er hält dieses Verantwortungsbewusstsein auch bis zum Schluss durch, wenn eine Antwort auf die Frage „O Menschenherz, was ist dein Glück?“ in heller g-d-c Dur-Folge lautet: „Liebe, Friede, Glaube, Hoffnung, das ist Glück.“ Zu dem erlangten Glücksgefühl trägt in diesem Fall auch die gefühlvolle Akkordeonbegleitung des Komponisten selbst mit stellenweise ergreifend schönen Zwischenspielen und nicht zuletzt der klare, ausdrucksstarke, in jeder Lage verständliche Gesang des Freiburger Singkreises bei.
In der anfangs erwähnten Festschrift lesen wir einfühlsame Texte von Christine Muranyi, Gedichte, Bild- sowie Notenproduktionen und erhalten so auch Einblick in die Konzeption der in Freiburg bereits zur Tradition gereiften Antoni-Treffen der HOG Sanktanna.

Anton Potche

aus BANATER POST, München, 10. Dezember 2000

Dienstag, 4. Februar 2025

Faszination einer Gruppenausstellung

 Die 12. Internationalen Kulturtage Ingolstadts wurden heuer mit Hermannstädter Kunstwerken eröffnet

Die Faszination einer Gruppenausstellung liegt unter anderem in der Vielfalt der gezeigten Kunstobjekte. Vielfältigkeit strömt sowohl aus der Verschiedenheit der Kunstarten (verwendete Materialien und Techniken) als auch aus der subjektiven Darstellungsweise der einzelnen Künstler. Kommt die Mehrheit der Kunstschaffenden dann auch noch aus einem anderen Land, jeweils von dem immer neugierig machenden Ruf eines Repräsentanten einer „fremden“ Kultur begleitet, dann sind im Vorfeld schon ein Großteil der Prämissen für eine gelungene Ausstellung geschaffen. Müssen schließlich aber auch noch sämtliche Stadträte einer deutschen Großstadt mit ca. 115.000 Einwohner diese Ausstellung auf ihrem Weg in den Sitzungssaal des Rathauses passieren, dann kann man zusätzlich von der sprichwörtlich glücklichen Organisatorenhand sprechen, die ja wesentlich zum Erfolg einer Kunstausstellung beitragen kann. (Das heißt natürlich nicht, dass auch alle Stadtparlamentarier sich garantiert die Zeit nehmen, einige Minuten durch die Reihen der Stellwände zu schlendern.)
38 Arbeiten von 16 bildenden Künstlern, die mit Ausnahme der Malerin und Grafikerin Sieglinde Bottesch (geb. in Hermannstadt / Sibiu; lebt in Ingolstadt) alle in Rumänien zu Hause sind, gelang es, durch diese Voraussetzungen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu fokussieren. Die vom 22. Mai bis zum 9. Juni im Foyer des Ingolstädter Rathauses gezeigten Arbeiten bilden einen Querschnitt der Kunsternte, die im Laufe vieler Jahre unter der Ägide des Verbandes der Bildenden Künstler Hermannstadt gereift ist.
Ob zerklüftete Felspartien oder der in nächtlichem Nebel imponierende Brukenthalpalast, ob der leidende Gekreuzigte oder die zu Boden fließenden Tränen, die Quelle oder das Amselnest, eine Symbiose aus Melodie und Bewegung, und gleich daneben das Kräuteruniversum im weiblichen Körper, ob die vom Ölpinsel auf Leinwand gezogenen chromatischen Studien oder die Sein-oder-nicht-sein-Fantasien, sie und alle anderen mehr oder weniger direkt ansprechenden oder die Vorstellungskraft des Betrachters beflügelnden Themen unterstreichen die fließenden Grenzen zwischen regionaler und internationaler Kunst. „Fremdes, Eindrücke von anderswo“, aus einer „künstlerischen Welt, die vielleicht narrativer, mystischer und naturverbundener ist als unsere“, will ein Ingolstädter Feuilletonist erkannt haben. Wohl wahr, wenn ich mir die Colografien Eugen Dornescus anschaue, aber ebenso widerlegbar, wenn man die eine oder andere Arbeit der Maler/innen Nicolae Barcan, Angela Delmondo, Constantin Ilea, Vera Marcu, Febus Viorel Ștefănescu, Marian Verya, der Bildhauer Gavril Abrihan, Ion Cândea, Septimiu Enghiș, Mircea Ignat, der Grafiker Alexandru Jakabhazy und Stefan Orth, sowie der Dekorationskünstler/in Ion Tamaian und Veronica Costea betrachtet. Sie sind den gängigen Stilrichtung problemlos zuzuordnen und besonders die Arbeiten der jüngeren Künstler liegen im internationalen Trend der jeweiligen Kunstart.
Die Welt ist bunt – Ingolstadt international“ nannte sich der Veranstaltungsmarathon, der mit dieser Ausstellung eröffnet wurde. Dass die geistige und materielle Welt aber nicht nur in den Werken der ausstellenden Künstler bunt ist, sondern auch im Lebens- und Arbeitsalltag der Künstler selbst, hob der Präsident der Hermannstädter Künstlervereinigung, Stefan Orth, während der Vernissage hervor und schilderte die prekäre materielle Situation der Kunstszene in Rumänien.
Es ist immer schwer, die Resonanz öffentlicher Ausstellungen, bei denen keine Eintrittskarten vergeben werden, einzuschätzen. Einen Teil der Ingolstädter Bevölkerung für die bildende Kunst aus Hermannstadt im besonderen und der aus Rumänien im allgemeinen sensibilisiert zu haben, dürfte den Organisatoren dieser Ausstellung (Kulturamt der Stadt Ingolstadt und Verband der Bildenden Künstler Hermannstadt) auf jeden Fall gelungen sein.
Mark Jahr

aus KARPATENRUNDSCHAU, Kronstadt, 24. Juni 2000

Dienstag, 1. Oktober 2024

Mit Musik durch ein halbes Jahrhundert

 Der Jahrmarkter Michael Tritz spielt seit 50 Jahren Flügelhorn und Trompete

Fragt man nach den wohl bekanntesten Jahrmarkter Familiennamen aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit die Namen der Musikerfamilien Kaszner und Loris hören. Im Zusammenhang mit diesen zwei Namen fällt aber in Gesprächen von gebürtigen Jahrmarktern auch oft der Name Tritz.
Umso erstaunter war ich, dass dieser Name in keiner der acht NBZ-Folgen Gruß aus Jahrmarkt – Namen, Jahreszahlen und Ereignisse in der 70-jährigen Geschichte der Loris-Kapelle von Prof. Hans Speck aus dem Jahre 1978 zu finden ist. Das könnte daran liegen, dass Michael Tritz zu keinem der Jahrgangsschübe junger Burschen gehörte, die in Jahrmarkt immer wieder die Reihen der Blaskapellen verjüngten.
Konzertmeister Michael Tritz (vorne)
und die Loris-Kapelle
Am 24. Februar 1950 meldete sich ein 12-jähriger Junge beim damals immerhin schon 74 Jahre alten Kapellmeister Peter Loris. Flügelhorn wollte er lernen. Ein wohl gelungener Start in ein ereignis- und erfolgreiches Musikantenleben, kann man heute mit Fug und Recht behaupten. Michael Tritz war wohl der letzte Schüler des Jahrmarkter Musikkapellen-Gründers Peter Loris (verstorben 1952), entwickelte sich aber schnell zum ersten Flügelhornisten der Loris-Kapelle. Dass die Besetzung dieses ersten Pultes ( so eine Art Konzertmeisterpult) schon von besonderen Bläserqualitäten abhängen musste, wird klar, wenn man sich einige Stücke aus dem Repertoire dieser Blaskapelle ansieht: Die Nachtschwärmer von Carl Michael Ziehrer, Crai nou von Ciprian Porumbescu, Semper Fidelis von John Philip Sousa u. v. a.
In einem bewegten Banater Musikantenleben gibt es natürlich eine Reihe von Stationen. Bei Michael Tritz liest sich diese Reihenfolge so: Loris-Kapelle (1950 bis 1957), Kaszner-Kapelle (1957 bis 1959), Loris-Kapelle (1959 bis 1979), Guban-Jazz-Band in Temeswar (1964 bis 1970), Original Donauschwaben in München (1979 bis 1989) und ab 1989 Original Jahrmarkter Musikanten in München. Dazu gesellt sich natürlich eine lange Liste von Aushilfsgeschäften in vielen Banater Dorfkapellen.
Der gelernte Elektriker arbeitete bei UTT (Uzinele Textile Timișoara) und war immer bestrebt, sich in seiner Freizeit weiterzubilden. Von 1962 bis 1964 besuchte er die Școala de Artă Populară in Temeswar und lernte viel von seinen Lehrern Bruckner und Covăsala. Das brachte ihm sogar ein Angebot der Kronstädter Philharmonie ein.
Wer nun glaubt, ein ereignisreiches Musikantenleben wäre nach fünfzig Jahren Blas- und Unterhaltungsmusik (Michael Tritz war in Jahrmarkt auch ein beliebter Sänger) beendet, der irrt sich gewaltig. Der seit zwei Jahren in Dachau im Rentnerstand lebende Michael Tritz denkt überhaupt nicht daran, Flügelhorn und Trompete an den sprichwörtlichen Nagel zu hängen. Die Ammertaler, Harer, Forstenrieder, Erdinger und Siebenbürger Musikanten werden sich über diese Unermüdlichkeit bestimmt freuen.
Was würde Michael Tritz auf die Frage nach seinem bemerkenswertesten Musikanten-Erlebnis wohl antworten? Vielleicht dieses oder jenes Konzert (in Jahrmarkt waren das die berühmten Musikantenbälle in der Faschingszeit), eine Hochzeit, eine Doppelkerweih (Johrmarker Spezialität) erwähnen? Oder war es gar das Feuer-Blasen, als 1958 die Dorfmühle brannte und der Feuerwehr-Alarm-Hornist Michael Tritz hieß? Er wird es wissen und sich in diesen Tagen – bestimmt auch mit Wehmut – an so manche Stunde mehr oder weniger erbaulichen Musizierens erinnern.

Anton Potche

aus BANATER POST, München, 5. März 2000

Dienstag, 5. März 2024

Interferențe culturale sud-est-europene în Germania

Ingolstadt, orașul bavarez în care se află una din fabricile și sediul administrativ al concernului de automobile Audi, se bucură de o activitate culturală foarte intensă. Unul dintre evenimentele anuale din acest oraș prezintă cultura muzicală a unui popor european sau de pe un alt continent. Ultima Noapte a muzicii a fost dedicată Ungariei și a avut loc la 20 noiembrie 1999.
Teatrul Ingolstadt
Foto: Anton Potche
Într-un maraton muzical au dansat și au cântat ansambluri din Ungaria și Germania, oferind publicului, pe lângă elemente de muzică și dansuri maghiare, și multe opere din domeniul muzicii clasice, scrise de compozitori ca Liszt, Berlioz, Strauss, Kodály, Dvořák, Brahms. ș.a. În 9 încăperi diferite ale Teatrului Ingolstadt răsunau concomitent, de la ora 17:00 până după miezul nopții, melodii care sugerau de multe ori libertatea privirii zburătoare peste largul câmpiei Panoniei.
De nu mai puțin de 18 ori au fost interpretate în Noaptea muzicii ungare opere compuse de Béla Bartók (1881 – 1945). Când, într-o interpretare magistrală, Orchestra de Cameră a orașului Ingolstadt, sub bagheta lui Stefan Reil, a intonat Dansuri populare românești - scrise în anul 1917 de compozitorul originar din Sânnicolau Mare -, mulți melomani (în jur de 900 se aflau în sala festivă a teatrului) simțeau interferențele culturale din zona sud-estică a Europei. A fost o noapte cu multe momente emoționante care nu își neagă rădăcinile bănățene sau transilvănene. Nu rare au fost momentele în care iubitorul de muzică, aflând-se în drum spre o altă sală, auzea câte un cuvânt unguresc sau românesc.
Universalitatea limbii muzicale ne-a dezvăluit și de data aceasta secretul unei Europe unite: curiozitatea și dorința de înțelegere a ceea ce ni se pare doar la prima vedere străin și departe de posibilitățile noastre de percepere.
Anton Potche


din TIMIȘOARA INTERNAȚIONAL, Timișoara, decembrie 1999



Dienstag, 4. Juli 2023

Assoziative Meditationen

 Zu einem Konzert von Johann Michael Haydn 
(1737 – 1896)
Also mache ich an diesem Sonntag doch, was man eigentlich nicht tun sollte; ich begebe mich in ein Konzert mit der Erwartung, mir vertraute Musikklänge, wenn auch nur andeutungsweise, zu vernehmen. Man wird bei einem solchen Unterfangen meist enttäuscht, es sei denn, die Titel der Stücke deuten auf die erwarteten Motive hin. Bartóks Rumänische Tänze, Brahms Ungarische Tänze oder die Strauss-Walzer könnten als solche Beispiele genannt werden.
Nun sitze ich da unter dem monumentalen Deckengemälde Cosmas Damian Asams in der Kirche Maria de Victoria (Ingolstadt) und versinke in die barocken Harmonien, entferne mich von allem Gegenständlichen und bleibe nur Geist, der dann beliebig, ohne jedwelche Raum- und Zeitrestriktionen, umherzuspringen beginnt. Ein tolles Gefühl der absoluten Losgelöstheit, der materie- und zeitlosen Freiheit befällt mich.
Das hübsche Konzert C-Dur in der exquisiten Besetzung Viola, Orgel und Orchester, das Johann Michael Haydn um 1760 als Kapellmeister am Hofe des Bischofs von Großwardein schrieb, trägt Züge eines Jugendwerks: frische Themenerfindung und eine schier überschäumende Musizierkunst verbinden sich mit satztechnischer Gewandtheit. Stilistisch handelt es sich um ein Werk des Übergangs, welches klassische Periodik und Kantabilität neben eher barockes Figurenwerk stellt.“ Diese Programmerläuterung hat mich hierher gelockt, mit besonderen Erwartungen hierher gelockt. Aber dann: kein ungarischer Einfluss, kein rumänischer Einfluss. Nur Klassik und Barock.
Spätestens im Adagio sind meine Gedanken längst unterwegs. Diese weich schwingenden Violaklänge. Ist das Trauer? Oder nur Sehnsucht? Nach was wohl? Ich hebe den Blick. Der Mann ist mir bekannt, dieser Mann, der die Viola mit einer Inbrunst streichelt, als wäre sie sein einziger Lebenssinn.
Wenn ich meine Schwiegereltern in dem renovierten Altbau aus den dreißiger Jahren besuche und im Treppenhaus über uns die alte Holztreppe plötzlich unter einem schweren Schritt zu ächzen beginnt, dann huscht über das Gesicht meines Schwiegervaters ein verständliches Lächeln, und er sagt dabei seit Jahren immer das Gleiche: „Der Maistro kommt.“ Und er meint den Mann, der hier nach Johann Michael Haydns Vorgabe eine Geschichte erzählt, die nur wenige Menschen in dem vollbesetzten Kirchenraum erahnen, und die in ihren biographischen Details bestimmt nur im Herzen des Viola-Spielers klare Konturen annimmt.
Hat er vielleicht Heimweh, der Viola-Spieler Nodar Ivania (Foto), den meine Schwiegereltern voller Ehrfurcht „Maistro“ nennen? Das Heimweh ist daheim in ihrem Haus. Und es hat viele Gesichter.
Da werden im Erdgeschoss Kartonschachteln mit Bedürfnissen des Alltags gefüllt, um bald auf den Weg nach Jahrmarkt ins Banat geschickt zu werden. Jahrmarkt? Ein Gedächtnisname. Giarmata wird auf die Schachteln geschrieben. Ein Stockwerk höher weigert sich die kleine, gesprächige, von allen im Haus geliebte Songül mit ihrem akzentfreien Bayrisch, ihre Eltern in die Türkei zu begleiten. „Was soll ich dort unter den Fremden?“, fragt sie trotzig; doch diesmal in unmissverständlichem Türkisch. Über Songül wohnt der „Maistro“. Das Begleitheft zur Ingolstädter Orgelmatinee in der Asamkirche Maria de Victoria, vom 4. April bis 10. Oktober 1999, jeden Sonntag um Zwölf gibt Auskunft: „Nodar Ivania, geboren 1945 in Tiflis/Georgien. Violin- und Violastudium an der Hochschule Tiflis in der Klasse von Prof. Schanidse. Seit 1964 Dozent, seit 1986 Professor für Violine und Viola an der Musikhochschule Tiflis. Preisträger mehrerer Wettbewerbe. Gewann als Mitglied des Georgischen Staatsquartetts den Internationalen Quartettwettbewerb in Budapest. Dozent an der David-Oistrach-Akademie in Ingolstadt.“
Denkt er, wenn er spielt? Vielleicht nicht. Aber er fühlt, der „Maistro“, sonst könnte er andere nicht bewegen. Seine Saitenklänge bringen einen Schmelztiegel der Erinnerungen zum sieden. Ich schließe die Augen und sehe die Stadt: Gebäude, Straßenbahnen, Parkanlagen, Uniformen. Die Stadt heißt Großwardein. Großwardein? Ich lernte sie schon 1974, als ich dort meinen Militärdienst leistete, nur noch als Oradea kennen.
Auch J. M. Haydn mag durch einige dieser Straßen geschritten sein, damals anno 1760. Vielleicht hatte er Heimweh, Heimweh nach Rohrau an der Leitha, und vielleicht griff er zur Feder und ließ dieses Weh in Linien und Zwischenräume fließen.
Concerto C-Dur für Viola, Orgel, Streicher und Basso continuo füllt den Raum aus, beherrscht alles, was in ihm atmet, und ruft ein himmlisches Chaos der Gefühle hervor. Ich habe meine Erwartungen längst vergessen – war das nicht kleingeistiger Lokal- oder bestenfalls Regionalpatriotismus? - und bin dankbar für diese Augenblicke.
Musik kommt ganz und gar ohne geographische oder nationale Bezüge aus, könnte man meinen. Falsch! Kunstströmungen wie Klassik und Barock haben durchaus auch etwas mit Orten und Regionen zu tun. Wenn J. M. Haydn dieses Werk auch in der Fremde geschrieben hat, so transportiert es trotzdem regionale Kunstmerkmale. Die sind aber nicht dem Einfluss der Entstehungsregion entsprungen, sondern eher im vermeintlichen Heimweh des Komponisten zu suchen, also an Orten und in Gegenden, in denen Klassik und Barock blühten. Heimweh verträgt keine Universalität, obwohl es überall auf der Welt zu Hause ist.
Es schöpft sein Berechtigungsdasein aus der Überschaubarkeit der Räume, dem Ort und der Region. Wozu dient uns dann die so oft zitierte Einzigartigkeit der Musik als universelle Sprache? Das obige Beispiel zeigt es: Um eben ähnliche Gefühle über alle Zeit-, Raum- und Sprachbarrieren hinweg ausdrücken zu können.

Mark Jahr

aus KARPATENRUNDSCHAU, Kronstadt, 
11. September 1999

Dienstag, 2. Mai 2023

Walter Kindl präsentiert auch Banater Liedgut

Schulkonzerte strahlen immer eine besondere Atmosphäre aus. Jugendlicher Elan, gepaart mit ernsthaftem Künstlerstreben, sind die Gewähr für ein in der Regel anspruchsvolles und vor allem sehr abwechslungsreiches Programm. Und wenn sich im Laufe der Jahre in einer Stadt eine anspruchsvolle Konkurrenzkultur zwischen den Schulen herausgebildet hat, so daß man gespannt sein darf, ob der Kulturredakteur des Lokalblattes für das Konzert X ebenso überschwängliche Worte wie für das Konzert Y finden wird, oder ob er nur Wohlwollendes zu berichten weiß, dann dürfen die Kulturverwalter dieser Stadt sich glücklich schätzen.
Ingolstadt gehört zu diesen Städten. Kinder und Jugendliche fühlen sich ernst genommen. Ihre Kunst wird in die Öffentlichkeit getragen und dort diskutiert. Dadurch erhält sie den hohen Stellenwert eines gemeinschaftlichen Kulturgutes.
Das Schulkonzert des Ingolstädter Apian-Gymnasiums war auch heuer ein redlicher Beleg für diese These. Ein blendend aufgelegtes Schulorchester mit bemerkenswerten Streicher- und Holzbläserqualitäten und einem überragenden Cellisten (Nikolai Shamugia) eröffnete unter der Stabführung des Musikpädagogen Karlheinz Herlitze mit Camille Saint-Saens‘ (1835 - 1921) ebenso anspruchsvollem wie ansprechendem Karneval der Tiere (Sprecher: Claudia Appl und Florian Leuthold) den Konzertreigen. Es folgten Werke von Domenico Scarlatti, Giovanni B. Viotti, Friedrich Smetana und Henri Vieuxtemps. Den Abschluss des ersten Konzertteils gestaltete eine Vokalgruppe mit drei Chorsätzen von Andrew Lloyd Webber. Sie wurde von dem aus Bentschek stammenden Musiklehrer Walter Kindl dirigiert.
Das Programmblatt verhieß zur Eröffnung des zweiten Teiles eine musikalische Reise des Unterstufenchors (4. - 6. Klasse) quer durch Europa nach Übersee. Ausgangspunkt der Reise war das Banat. Und es war eine sehr angenehme Überraschung, dieses Lied Die Erde braucht Regen. Schwungvoll und dynamisch klang unser Volkslied aus den kindlichen Kehlen; bemerkenswert die klare, verständliche Aussprache der jungen Sängerinnen. Durch Oberhessen und Frankreich ging es nach Amerika. Das Englisch bereitet den Kindern heute sowieso keine Schwierigkeiten mehr (besonders in der Musik), und musikalisch wurden die jungen Christen/innen am Klavier von ihrem Chorleiter, Herrn Kindl, unterstützt, so daß sie sich in der Neuen Welt sichtlich wohl fühlten.
Spannend und vielseitig ging es im Programm weiter mit echter Volksmusik, E-Orgel-Klängen und einem Hip-Hop-Tanz zu einem Pop-Mix. Den Schlußkommentar zu dieser Veranstaltung schrieb der Kulturchronist Hein Zettel im DONAUKURIER wie folgt: „Nach der temperamentvollen Tanzeinlage besorgte die Apian-Big-Band (ebenfalls geleitet von Walter Kindl) das Finale des Konzerts. Zügig und mit enormem Drive, dabei hervorragend geschlossen und homogen im Sound und ausgewogen in den Bläsergruppierungen besetzt, wurde ein mitreißender Schlußstrich unter das Apian-Schulkonzert gezogen.“ 
Bleibt nur noch Tatort und -zeit zu erwähnen: Festsaal des Theaters Ingolstadt, 6. Mai 1999.
Anton Potche

aus BANATER POST, München, 20.08.1999

Dienstag, 12. Juli 2022

Original Jahrmarkter Musikanten

Die jüngste und (wahrscheinlich) letzte Jahrmarkter Musikkapelle wurde 10 Jahre alt

So mancher Musikant, der im Banat noch aktiv war, wird Wehmut empfinden, wenn er hierzulande in einem Lokalblatt von zwanzig-, dreißig-, vierzig- bis zu hundertjährigen Gründungsjubiläen verschiedener Musikformationen (meist Blaskapellen) liest oder wenn er vielleicht als Mitglied einer dieser Kapellen sogar an den Feierlichkeiten eines solchen Jubiläums teilnimmt.

Wenn unser Auswandern auch einen negativen Aspekt aufzuweisen hat, dann ist es vor allem der Verlust unseres in den siebziger Jahren besonders regen Kulturlebens in den Banater Dörfern. Die vielen Musikkapellen spielten bei den Veranstaltungen stets eine wesentliche, in einigen Ortschaften sogar eine dominierende Rolle.
Die in zwei Jahrhunderten gewachsenen Dorfstrukturen mit ihren introvertierten, stark traditionsbetonten Lebensabläufen schufen ein ideales Klima für das Wirken von Musikgruppen über lange Zeiträume hinweg. Die Jahrmarkter Kaszner-Kapelle wäre vor einem Jahr 40 Jahre alt geworden, und die Ehemaligen der Loris-Kapelle trafen sich heuer anläßlich ihres neunzigjährigen Gründungsjubiläums, das vermutlich mehr dem Gedenken als musikalischem Jubilieren dienen durfte. Was Krieg und Diktatur nicht zerstören konnten, hat letztendlich die Aussiedlung bewirkt. Keine der beiden Kapellen erlebte in Deutschland eine Wiederauferstehung. Die damaligen Juniorkapellmeister der Jahrmarkter Blaskapellen sind heute erfolgreiche Leiter von Jugendblaskapellen im Westen Deutschlands. Die Jahrmarkter Musikanten spielen aber trotzdem weiter, und zwar im Süden Deutschlands.
Sepp Tritz hat vor zehn Jahren in München die Original Jahrmarkter Musikanten gegründet. Somit ist er der letzte Jahrmarkter, der sich in diesem Jahrhundert in die Riege der Jahrmarkter Kapellmeisternamen eingereiht hat: Jauch (Gründungsjahr: ca. 1900), Rastädter (ca 1900), Loris (1908), Kelter (ca. 1920), Kreuter (1937), Kern (1946), Kaszner (1957), Schütt (1983), Linz (1986) – die zwei letzten hatten die Leitungen der Kaszner- bzw. Loris-Kapelle bis zu deren endgültigen Auflösung inne -, Tritz (1988).
Daß die letzte Namenseintragung nicht mehr in Jahrmarkt, sondern bereits in neuen Gefilden (die Tag für Tag, Schritt für Schritt als Heimat erschlossen werden mußten) stattfand, mag signifikant für den Werdegang unseres ganzen Volksstammes sein. Wir gingen, um Banater Schwaben zu bleiben, denn viel mehr als seine Identität kann ein Mensch auf Heimatsuche nicht über die Zeit retten. Alle materiellen Mitbringsel gehen irgendwann verloren.
Bei der mühseligen Erschließung einer neuen Heimat können Erinnerungen als hilfreicher Innehaltefaktor eingesetzt werden. Vertraute Musik, gespielt von Kapellen mit vertrauten Namen, kann – wenn auch nur für ein paar Stunden – in Menschen Gefühle wachrütteln, die diese in weit zurückliegenden Jahren schon einmal erlebt haben. Die Mannen um Sepp Tritz und seine Gesangspartnerin Lotte Hehn pflegen den Musikstil, der für die meisten Kapellen im Banat charakteristisch war: eine Mischung aus Blas- und auf Schlager basierender Tanzmusik. Vielleicht deutet das Original im Namen dieser Tanzkapelle nicht nur auf die Instrumentenbesetzung hin, sondern auch auf den Erinnerungswert einer bewehrten Dorftradition mit all ihren gesellschaftlichen Implikationen. So selbstverständlich, wie zu einer neuen Heimaterschließung auch neue Bekanntschaften gehören, so normal ist es auch, daß heute Nicht-Jahrmarkter einen wichtigen Beitrag zum guten Klang dieser Tanzkapelle leisten.
Die Original Jahrmarkter Musikanten blieben von einer in solchen Musikgruppen nicht seltenen Fluktuation weitgehend verschont, was sich natürlich positiv auf ihren Werdegang ausgewirkt hat. Sie traten in den vergangenen zehn Jahren bei vielen Kulturveranstaltungen unserer Verbandsgliederungen auf und gestalteten den musikalischen Rahmen für so manches Heimatortstreffen. Auch die zwei bei TYROLIS erschienenen MC/CDs Wir sind alle Sonntagskinder und Die Botschaft der Berge zeugen von dem Engagement, traditionelle, altbekannte Melodien zu bewahren und gleichzeitig neues Tanzmusikgut zu vermitteln.
Nach persönlichen Wünschen zum 10. Geburtstag seiner Kapelle befragt, sagte der „Jahrmarkter“ Sepp Tritz: „Mit den gleichen Leuten weitermachen wäre schön, auch wenn es ab und zu mal Auftragsflauten gibt.“ Der Mann weiß, wovon er spricht, denn die Praxis hat gezeigt, daß nur Gruppen mit einem stabilen Personalkern die Riffe des Musikbetriebs unbeschadet durchschiffen können.
In diesem Sinn kann man dem Stammpersonal der Original Jahrmarkter Musikanten nur wünschen, daß es bei seinem zwanzigjährigen Gründungsjubiläum noch die gleichen Namen aufzeigen kann wie heute: Lotte Hehn (Bakowa / Gesang), Ernst Bechler (Bakowa / Trompete, Flügelhorn), Hartmuth Bechler (Bakowa / Schlagzeug), Josef Hehn (Niederbayern, Eltern aus Schiwatz in der Batschka / Tenorhorn, Posaune), Josef Probst (Jahrmarkt / Tuba, E-Baß), Alwin Schreier /(Jahrmarkt / Akkordeon, Keyboard), Michael Tritz (Jahrmarkt, / Trompete, Flügelhorn), Sepp Tritz (Jahrmarkt / Leitung, Gesang, Tenorhorn, Posaune).

Anton Potche

aus BANATER POST, München, 5. Januar 1999


Dienstag, 21. Juni 2022

Stimmungsvoller Hausmusikabend

Ingolstadt (anp). Man lasse einen jungen, couragierten Musikanten, der das Tenorhorn bläst, gewähren, stelle ihm noch 20 Schülerinnen und Schüler von der 5. bis zur 12. Klasse zur Seite, die auf ihren Instrumenten (Klavier, Cello, Violine, Gitarre, Klarinette, Akkordeon, E-Orgel, Hackbrett und Flöte) kurze, zum Teil anspruchsvolle, dann liebliche und sogar in die Beine fahrende Melodien spielen, und schon hat man ein vorweihnachtliches Schulkonzert auf die Bühne gebracht. Daß dies allerdings nicht so einfach ist, wie es sich darstellt, erläuterte Karl Heinz Rupp zur Eröffnung des Hausmusikabends im Apian-Gymnasium. Das zu Gehör gebrachte Repertoire mit Werken von Bach, Jacchini, Tartini, Beethoven, Carulli, Kreisler, Chopin, Saint-Säens, Max Reger, Curt Mahr, Claude François und Pierluigi Giombini ließ den Probenaufwand der jungen Musiker und Musikerinnen erahnen.
Daß die Geschwister Mattes auch ihre Mutter (Gitarre) mitbrachten, läßt auf Kontinuität in unserer Volksmusik hoffen, denn sowohl der instrumentale als auch der gesangliche Vortrag des Quartetts war vielversprechend. Und als zum Schluß ein Weihnachtslieder-Potpourri – mit Geige, Klarinette, Blockflöte und Akkordeon nicht nur originell besetzt, sondern auch mit viel Esprit orchestriert – erklang, war wohl den meisten Zuhörern im runden Konzertsaal des Apian-Gymnasiums klar, daß die in diesen Tagen so oft beschworene Besinnlichkeit mit der richtigen Musik am besten zu empfehlen ist.
Die nach dem Konzert im Foyer angebotenen Plätzchen und heißen Getränke sowie die ausgestellten „Burglandschaften in Weiß“ (Kunsterziehung, 5. Klasse) haben diesen stimmungsvollen Hausmusikabend eindrucksvoll ausklingen lassen.
Anton Potche

aus DONAUKURIER, Ingolstadt, 23. Dezember 1998

Dienstag, 2. November 2021

Gesang und Klavier im Benefizkonzert

Ingolstadt (pot) Ein niveauvolles Benefizkonzert für Waisenkinder in Sibirien boten Sopranistin Ida Haag und ihre Lehrerin Galina Muraschova im Musiksaal des Apian-Gymnasiums. Begleitet wurden die beiden am Klavier von Alexander Österlein aus Kasachstan.
Die ebenfalls aus Kasachstan stammende und jetzt in Ingolstadt beheimatete Ida Haag konnte besonders in den Romanzen von Warlamov und Gurilev gefallen. Mit Caccinis Ava Maria bewies Haag, daß sie auch anspruchsvolle Partien mit Bravour bewältigen kann.
Galina Muraschova aus Archangelsk/Rußland verfügt über beneidenswerte stimmliche Fähigkeiten. In Liedern von Gurilev, Rimski-Korsakow und Tschaikowsky kam ihre Ausdruckskraft voll zur Geltung. Ihre klare Stimme konnte ein beeindruckendes Forte erreichen, um im nächsten Augenblick in einem Diminuendo in ein lieblich anmutendes Pianissimo zu gleiten.
Natürlich wären solche Gesangsleistungen ohne eine diskrete, aber exakte Klavierbegleitung nicht möglich gewesen. Daß Alexander Österlein nicht nur ein guter Konzertpianist ist, sondern auch ein hervorragender Solist, bewies er mit Mozarts Sonate in C-Dur KV 330 und besonders in Rachmaninows Prelude in Cis-Dur.

aus DONAUKURIER, Ingolstadt, 29. Juli 1998


Dienstag, 20. Juli 2021

Band zwischen Träumen und Aufbäumen

Ingolstadt (e) Musikunterricht der feineren und für viele anwesende Schüler wahrscheinlich auch der gefälligeren Art war das Konzert der Apian-Big-Band im großen Musiksaal des Schulzentrums Südwest. Das zu Gehör gebrachte Programm bot einen abwechslungsreichen Querschnitt durch verschiedene Musikepochen dieses Jahrhunderts. 
Jazzhits des Altmeisters der amerikanischen Musical-, Revue- und Filmmusik Irving Berlin wurden ebenso schwung- und gefühlvoll vorgetragen wie Kompositionen Duke Ellingtons mit ihren impressionistischen Klangfarben und überraschenden Akkordalterationen. Berd Kaempferts Strangers In The Night, Mabel Waynes Ramona und Melodien in den Tanzrhythmen Rumba-Cafioca, Foxtrott, Cha-Cha-Cha u. a. verdeutlichen die weite Bandbreite eines gut ausgewählten Big-Band-Repertoires. 
Und doch sind es immer wieder altbekannte und beliebte Ohrwürmer, die nach einem gelungenen Konzert in den Gemütern der Zuhörer nachschwingen. So auch nach diesem Sommerkonzert der Big-Band des Apian-Gymnasiums. Maurice Jarres Schiwago-Melodie und der Swing In The Mood – mit dem Glenn Miller zwar berühmt wurde, den aber Joe Garland komponiert hat – werden in ihrer Nachwirkung bei dem einen oder anderen die gebotenen Zugaben überlebt haben. 
Walter Kindl
Was bei den Auftritten dieses mit professioneller Gelassenheit agierenden und meist auch professionell klingenden Klangkörpers beeindruckt, ist seine akademische Darbietungsweise. Der in klassischem Konzertstil dirigierende Musiklehrer Walter Kindl strebt dadurch höchstmögliche Partiturtreue an und erzielt gleichzeitig dynamische Effekte, die in den lyrischen Stellen wohltuend und in den Tutti-Bläsersätzen auch schon mal herausfordernd stringent klingen. 
Träumen und Aufbäumen liegen so, dem geschichtlichen Ethos dieser Musik entsprechend, sehr nahe beieinander. Die Soloparts spielen bei der Nähe dieser Gegensätze eine wichtige Rolle in den Big-Band-Kompositionen, und es war klar erkennbar, daß das 14 Mann/Frau starke Apian-Ensemble großen Wert auf die Abstimmung zwischen Orchester und Solist legte. 
Die erzieherische Wirkung dieser außerschulischen Kulturarbeit am Apian-Gymnasium liegt nicht nur in der Stimulanz, Neugierde, Interesse und schließlich Verständnis für verschiedene – in diesem Fall musikalische – Kulturformen zu wecken, sondern auch in der Ausgestaltung des heute oft angemahnten Teamgeistes durch das im wahrsten Sinne des Wortes harmonische Zusammenspiel zwischen Lehrkräften und Schülern. 
Eine Lehrerin und drei Lehrer üben nicht nur eine Vorbildfunktion durch ihr Mitspiel in dem Orchester aus, sondern sind auch eine wichtige Bestandsgarantie desselben, ist doch die natürliche Personalfluktuation in Schulorchestern auch für diese Schul-Big-Band eine dauernde Bedrohung. Wenn Lehrer aber das nötige außerschulische Engagement zeigen, wird Kulturarbeit an unseren Schulen auch weiterhin fruchtbar bleiben.

Anton Potche

aus DONAUKURIER, Ingolstadt, 

3. Juli 1998

Dienstag, 29. Juni 2021

Gedanken nach einem hochklassigen Konzertabend

Ernüchternde Erlebnisse nach euphorischen Stunden können Betroffene in eine schmerzhafte, selbstzerstörerische Isolation führen, weil es so unheimlich schwer ist, zu akzeptieren, daß man Opfer einer Täuschung wurde. Sollte ich den Künstlern, „unseren Künstlern“, wirklich auf den Leim gegangen sein? Anscheinend ja! Zum Glück haben mich aber nicht alle Sänger/innen und Instrumentalsolisten betrogen, und die, die es taten, bestimmt nicht dauernd. Davon bin ich überzeugt! Zumindest diese Gewißheit verschafft etwas Erleichterung und gibt mich nicht ganz der Lächerlichkeit preis.
Die Chronologie der Ereignisse ist schnell erzählt. Freitag, 3. April 1998, 23 Uhr. Ich verließ in glückseliger Stimmung, bar jedweder Kritikfähigkeit oder gar -absicht, den Festsaal des Ingolstädter Theaters. Das Benefizkonzert zugunsten des Banater Seniorenzentrums „Josef Nischbach“ war soeben verklungen. Wunderschöne Musik von Joseph Haydn, über böhmische Blasmusik bis zu Eigenkompositionen Mara Kaysers hatten eine Begeisterung in mir hervorgerufen, die bis in die späten Nachmittagsstunden des folgenden Montags anhielt. Dann befand ich mich nämlich im Kreise einiger Musikanten, die ebenfalls diesem Konzert beigewohnt hatten; allerdings nicht nur mit Herz, so wie ich und viele andere Konzertbesucher wahrscheinlich auch, sondern auch mit Verstand, gepaart mit den jeweils entsprechenden Musikkenntnissen. Meine spontanen Begeisterungsausbrüche prallten in dieser Runde auf Häme und Spott. Bemerkungen wie „Hast du schon mal was gehört von Playback“ oder „Wie kann man so naiv sein, um sich derart verarschen zu lassen“ waren für mich dann die Auslöser, das Erlebte so weit wie möglich aus meinen Erinnerungen hervorzurufen und etwas realistischer zu analysieren, nicht ohne jedoch vorher auch Nichtmusiker nach ihrer Meinung zu fragen, ist bekanntermaßen bei Urteilen von Musikern über Musiker doch immer sehr viel Subjektivität, um nicht zu sagen Neid, im Spiel. Leider bekam ich – besonders von Leuten, die in den ersten Reihen des ausverkauften Hauses (ca. 1200 Plätze) saßen – Ähnliches zu hören. Allerdings glaube ich, aus diesen Stimmen eher Enttäuschung und Bedauern vernommen zu haben.
Nun könnten solche Gedanken sehr schnell den Eindruck erwecken , daß dieser Abend der volkstümlichen Musik mit Banater Interpreten ein Mißerfolg war. Das war er beileibe nicht. Wenn ich mir die glücklichen, teils sogar verklärten Gesichtszüge vieler Landsleute in Erinnerung rufe, so bleibt mir gar nichts anderes übrig, als diese Benefizveranstaltung als vollen Erfolg zu bewerten. Das war sie schon insofern, als die eingangs erwähnten Schatten das von den überwiegenden Live-Darbietungen ausgestrahlte Licht in keiner Weise beeinträchtigen konnten. 
Den Lichtquellen dieses Abends gebührt sowohl für ihren selbstlosen (honorarfreien) Einsatz für ein großes Werk der Nächstenliebe, als auch für die guten und sehr guten musikalischen Leistungen volles Lob. Die Namen der Künstler, die dieses Konzert gestalteten, sind unseren Landsleuten zum großen Teil bekannt und angesichts der Vielfalt der zu Gehör gebrachten Musikgenres – eigentlich eine angenehme Überraschung für eine als Abend der volkstümlichen Musik angekündigte Veranstaltung – konnte wohl jeder Zuschauer mit „seinem Star“ zufrieden sein. (Es war bestimmt keine sehr glückliche Entscheidung der Regie, eine der auftretenden Sängerinnen als „Star des Abends“ zu behandeln.)
Die Hollich-Familie war mit den Rosenkavalieren bestimmt eine sowohl gesamtmusikalisch als auch instrumental- und vokalsolistisch betrachtet angenehme Erscheinung. Die kleine Geigerin Larissa Hollich als Überraschung zu präsentieren, war eine gute Idee. Bei ihrem für die Geigenpolka geernteten Riesenbeifall erübrigt sich jeder Kommentar. Rose Hollich konnte durchwegs mit ihrem Gesang überzeugen und wird aus dem Reigen Banater Sängerinnen nicht mehr wegzudenken sein. Anton Hollich – sein Hummelflug auf der Klarinette war der eigentliche Stein des Anstoßes für die Konzertbesucher mit Verstand – leitet mit den Rosenkavalieren eine sehr gut eingespielte Tanzkapelle. Ob unsere etwas schwerblütigen Landsleute mit optischer Musikgaudi á la „Lustige Musikanten“ allerdings zu beglücken sind, möchte ich doch lieber bezweifeln, als ihnen kritiklose Zugeständnisse an kurzlebige Zeitgeisterscheinungen anzudichten.
Mara Kayser präsentierte sich wie gewohnt professionell, souverän. Ihre den Landsleuten als Uraufführung geschenkten Eigenkompositionen waren inhaltlich und interpretativ hochwertig, konnten aber bestimmt nicht darüber hinwegtäuschen, daß die breite volkstümliche Fangemeinschaft Deutschlands auch heute noch nicht um die wirkliche Abstammung der Wahlsaarländerin Mara Kayser weiß. Identität sollte auch von begnadeten Künstlern nicht wie ein je nach Interessenlage nötiges oder lästiges Anhängsel zum Karrieremachen instrumentalisiert, sprich, überbetont oder verleugnet werden.
Mathias Loris bot eine solide Leistung. Der Mann kann seine Fähigkeiten einschätzen, und er war auch an diesem Abend nicht angereist, um mit technisch schwierigen Konzertpassagen Bewunderung zu erheischen, sondern spielte dem andächtig lauschenden Publikum zwei wunderschöne Melodien auf seiner Trompete vor. Der Dank des Auditoriums fiel auch dementsprechend herzlich aus.
In die Herzen der Zuhörer sang sich mit Unterstützung eines Klaviers und eines Streichertrios der Männerchor MGV Liedertafel Vohburg. Das imposante musikalische Erscheinungsbild dieses lebendigen Klangkörpers gewinnt durch hervorragende Solopartien und durch die eigenartige Dirigierweise seines Leiters Walter Kindl eine ganz besondere Ausstrahlungskraft. Der Zuschauer wird mit den aus den Handgelenken sehr eindrucksvoll angedeuteten Dynamik- und Tempizeichen unmittelbar von dem aus Bentschek stammenden Musiklehrer auch visuell in die Liedgestaltung eingeführt.
Helga & Werner Salm. Ja, bei ihnen schien nicht nur die Orchesterbegleitung, sondern (zumindest in einem Lied) auch der Gesang vom Band zu kommen; so die kaltblütigen Analytiker. Schade, denn besonders dieser Auftritt hat die nostalgische Ader vieler Landsleute – das Durchschnittsalter des Publikums dürfte so bei 50 gelegen sein – anschwellen lassen. Und weil die überwiegende Mehrheit der begeistert mitempfindenden Menge mit mehr Herz als Verstand an jenem Abend bei der Sache war – ich schließe mich da gerne mit ein -, wurde das Geschwisterpaar zurecht mit stürmischem Beifall hinter die Kulissen entlassen.
Was uns der Schwabenklang mit seinem Kapellmeisterduo Johann Frühwald & Rudi Hellner dargeboten hat, war Blasmusik der feineren Art, ausgefeilt bis zur letzten Sechzehntel und … diese wohltuenden Piani, ein wahrer Ohrenschmaus. Glückwunsch nach Reutlingen!
Weil, wie gesagt, wahrscheinlich jeder Konzertbesucher an jenem 3. April 1998 mit seinem/seinen Lieblingsinterpreten im Herzen den Musentempel an der Donau verlassen hat, so will ich diese gedankliche Rückschau – im vollen Bewußtsein ihrer Subjektivität – mit „meinem Star“ dieses Benefizkonzertes schließen. Er heißt: Ines Aigner. Danke, besonders für diese beeindruckende Hommage an Bertolt Brecht. Das liebliche Mädchen von gestern (Trio „Herzblatt“) ist eine Sopranistin in stürmischer Entwicklungsphase, die hoffentlich noch lange anhält und sie eines Tages im Bereich ihrer Musiksparte (klassisches und modernes Liedgut) dorthin führt, wo Mara Kayser heute im volkstümlichen Musikstadel steht, nämlich an die Spitze.
Moderiert wurde dieses dreistündige Musikprogramm von Anneliese Krutsch so, wie man es von ihr gewohnt ist: vornehm zurückhaltend und trotzdem informativ, mit klarer, deutlicher Diktion.
Die auf eine große Leinwand projizierten Abbildungen des in die erste Bauphase gestarteten Pflege und Seniorenheims „Josef Nischbach“ mit dem Namen des jeweils auf der Bühne stehenden Künstlers verlieh dem Bühnengeschehen einen dauernd festlichen Rahmen. (Projektionen: Hans Rothgerber).
Für die Regie zeichnete Hans Szeghedi, assistiert von Stefan Mlynarzek und Franz Mlynarzek.
FotoQuelle: BANATER POST
Initiiert wurde diese aufwendige Veranstaltung von Peter Krier und Franziska Graf. Wie es ihnen gelungen ist, so viele hochkarätige und vielbeschäftigte Musiker an einem Abend auf eine Bühne zu bringen, und das sogar ziemlich kurzfristig – noch im Februar war ein Benefizkonzert mit einem großen Blasmusikorchester im Gespräch -, bleibt ihr Geheimnis. Ausgezahlt hat sich die Mühe auf jeden Fall , denn als Helmut Schneider, Vorsitzender des Hilfswerks der Banater Schwaben, beim großen Finale einen Scheck von 72.285 DM (22.285 DM Kartenverkauf plus 50.000 vom Landesverband Bayern unserer Landsmannschaft) in Empfang nahm, waren bestimmt alle zufrieden; die, die nur mit dem Herzen dabei waren sowieso und die mit dem kritischen Verstand (auf deren Stimmen wir eigentlich nach keiner unserer Veranstaltungen verzichten sollten) auch.
Dank dem starken, wohltuenden Licht und trotz des schwachen Schattens gebührt Organisatoren und Künstlern gleichermaßen hohe Anerkennung für dieses Benefizkonzert in Ingolstadt. Danke, und vielleicht irgendwann auf ein Nächstes, denn die Palette unserer Banater Künstler ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Anton Potche

aus BANATER POST, München, 20. Mai 1998