Dienstag, 5. Mai 2026

Volksmusik und Orgelklänge aus Siebenbürgen

 Ursula Philippi interpretierte auf BAYERN 4 KLASSIK

BAYERN 4 KLASSIK ist ein Sender des BAYERISCHEN RUNDFUNKS, der rund um die Uhr so genannte E-Musik, also ernste Musik sendet. Dazu gehören oft auch sehr interessante und vor allem lehrreiche Programmpunkte, die den Radiohörer mit den vielfältigsten Musiklandschaften der Welt vertraut macht. Dabei werden die Pfade der reinen klassischen Musik verlassen und das kann zu einer höchst spannenden Gratwanderung zwischen wahrer Volksmusik (hat nichts gemeinsam mit der bis zum Überdruss in Deutschland produzierten volkstümlichen Musik), Jazz, Kirchenmusik und neuen experimentellen Klangformen führen.
Am 3. März präsentierte BAYERN 4 KLASSIK in der Sendereihe Musik der Welt den Beitrag Auch wenn ich morgen sterben würde, werde ich heute noch ein Fest feiern. Als Autor zeichnete Rolf Killius. In der Programmvorschau des Senders hieß es dazu: „Hier mischen sich seit Jahrhunderten die Musikkulturen der Ungarn, Rumänen und Zigeuner zu temperamentvollen Tänzen und Liedern, die bei Bauernhochzeiten, Taufen und Beerdigungen gespielt werden. Zum Beispiel von der in Transsylvanien berühmten Zigeunergruppe >Taraful din Mociu< in der typischen Dreier-Besetzung: Der Sologeiger, der die Melodie vorgibt und improvisiert, wird von der Kontra begleitet – einer dreisaitigen Geige mit abgeflachtem Griffbrett, auf der nur Akkorde gespielt werden. Rhythmus und ein bordunartiger Grundton werden vom Bassisten auf dem dreisaitigen Kontrabass oder Gordon beigesteuert. Bei größeren Festen tritt verstärkend ein Akkordeonspieler hinzu.“ Was der erwähnte Taraf zu bieten hatte, war für so manches deutsche Ohr bestimmt ungewohnt, aber sicher auch faszinierend.
Mit eher vertrauten Klangfarben wurden dann am Sonntagabend, dem 18. März, die Hörer von BAYERN 4 KLASSIK bedient. Kirchenmusik stand auf dem Programm, und die erfährt ja bekanntlich in den letzten Jahren in Deutschland einen sehr erfreulichen Höhenflug. Kirchenkonzerte gehören allerorts zu den meist geschätzten Kulturveranstaltungen. Ist ein Opus von Bach, Händel, Buxtehude, Vivaldi, Krebs u.v.a. fester Bestandteil deutscher Kirchenmusik, so fielen in der Sendereihe Orgelstunde an jenem Abend (22:05 Uhr) ganz andere Namen. Das war aber insofern nicht verwunderlich, als die Sendung unter der Überschrift lief: Orgellandschaft Siebenbürgen. Es waren hier zu Lande selten oder nie gehörte Werke zu hören. Die gesendeten Stücke wurden alle von Ursula Philippi eingespielt.
Als erstes erklang Musik des späten 16. Jahrhunderts aus der Sammlung Il Transilvano von Girolamo Diruta, vorgetragen auf dem Orgelpositiv in Michelsberg. Von Balint Bakfark (1507 – 1576) spielte Ursula Philippi Fantasia in D auf dem Ha(a)hn-Orgelpositiv der Evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt. Es folgten eine Fuge von Johann Erasmus Kindermann (1616 – 1655) und drei Choralbearbeitungen von Daniel Croner über Was mein Gott will aus dessen 1681 veröffentlichtem Tabulaturbuch. Auch auf der Metz-Orgel in Martinsberg wurden zwei Kompositionen von Daniel Croner dargeboten: Toccata in G und Bicinium und Trio über Wo Gott zum Haus nicht gibt sein Gunst. Die Fantasie-Sonate in d-Moll von Johann Leopld Bella (1843 – 1936) wurde auf der Sauer-Orgel der Evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt gespielt. Auf dem gleichen Instrument interpretierte Ursula Philippi in ihrer gefühlvollen und manchmal recht virtuosen Art, aber immer dem Raum und seiner jeweils spezifischen Akustik gerecht werdend, die Choralbearbeitungen Mit Fried und Freud und Sollt ich meinem Gott von Waldemar Edler von Baußnern (1866 – 1931). Als letztes war dann Partita 2 über ein rumänisches Volkslied von Tudor Ciortea zu hören, ein Werk, das nicht nur die eingangs erwähnte gelungene Gratwanderung zwischen unverfälschter Volksmusik und Klassik unterstreicht, sondern auch verdeutlicht, wie wichtig urwüchsige, im Volk gediehene Melodien für die Inspiration der Komponisten anderer Musikarten schon immer waren und auch bleiben werden.
Volksmusik und Orgelmusik aus Siebenbürgen konnten dank dieser lobenswerten Sendungen des BAYERISCHEN RUNDFUNKS einen wesentlichen Beitrag zur Ankratzung des Dracula-Klischees in Deutschland leisten. Langsam aber sicher werden sich durch das Vermitteln kultureller Werte Rumänien im Allgemeinen und Siebenbürgen im Besonderen als erlebniswerte Landschaften im Bewusstsein so mancher Bundesbürger einen Sympathiebonus erwerben.
Mark Jahr

aus KARPATENRUNDSCHAU, Kronstadt, 12. Mai 2001

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