Zum neuen Roman von Johann Lippet
Johann Lippet: Die Tür zur hinteren Küche, Roman, 320 Seiten; Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, 2000; ISBN 3-88423-169-3; 39,80 DM.
Als
der Roman sich seinem Ende näherte, nahm ich mir vor, die
BANATER-POST-Ausgabe des Jahres 1985 hervorzunehmen und nach dem
Namen Anton Lehnert in der Begrüßungsrubrik für Aussiedler zu
suchen. Das unterließ ich dann aber, als ich das Buch, ja, fast
deprimiert zuschlug. Wie konnte ich auch hoffen, dass dieser Roman
doch noch ein glückliches Ende finden würde?
Johann
Lippet lebte zu nahe an der Wirklichkeit, um die banatschwäbische
Katastrophe nur andeutungsweise versöhnlich ausklingen zu lassen.
Dass der Leser bis zur letzten Seite im Unterbewusstsein einen
unbeschwerlichen Ausgang des hier vorliegenden Lesestoffes ersehnt
(zumindest mir erging es so), liegt an den Menschen, die diese Seiten
bevölkern. Man fühlt mit ihnen und bezieht hie und da sogar Partei.
Anton
Lehnert ist bislang das letzte Glied einer langen Kette von
Gestalten, die durch ihr Denken und handeln als literarische
Denkmäler des banatschwäbischen Menschen betrachtet werden können:
Susi Weidmann, Regina Schurmann, Melcher Pitt, Michel Trautner, Anton
Wanninger, Stirner und andere. Ihre Schöpfer gehören zu den
Repräsentanten eines zweihundertjährigen regen deutschen
Literaturbetriebes im Banat: Adam Müller-Guttenbrunn, Hans
Wolfram Hockl, Franz Heinz, Franz Keller, Hans
Bohn, Richard Wagner und nicht zuletzt Johann Lippet.
Die
Tür zur hinteren Küche kommt nur langsam in Schwung. Es ist
so, als ob sie schon länger in den Angeln quietschen würde und
nicht erst seit Beginn dieser Handlung: „An einem Oktobermorgen
1956 holperte ein Pferdewagen über den Feldweg auf Wiseschdia zu.“
Trotzdem wirkt das Geschehen nie langatmig, und je übersichtlicher
die nicht gerade einfachen Familienverhältnisse der Lehnerts,
Bettendorfs, Hubers und Potjes werden, desto mehr lebt man sich in
den Dorfalltag des Heidedörfchens ein.
In
dem ausschließlich bäuerlich geprägten Dorfmilieu bläst nach dem
Zweiten Weltkrieg ein neuer Wind. Die Veränderungen aller
Lebensbereiche kommen langsam, aber stetig über die Dorfbewohner. So
mancher merkt es erst, wenn er von einem Schicksalsschlag getroffen
wird. Anton Lehnert ist einer jener bodenständigen,
erzkonservativen Menschen, die nur schwer wahrhaben wollen (oder
können), dass ein tödlicher Sturm über die Heide braust. Was hätte
er auch dagegen tun können?
Dieses
Buch versucht in einem schlichten, präzisen und trotzdem
einfühlsamen Ton, bar jeder Larmoyanz, das Sterben des
banatschwäbischen Dorfes als schicksalhaft im Kontext der
europäischen Nachkriegsereignisse darzustellen. Unter den gegebenen
Bedingungen musste es untergehen. Diesen schleichenden Tod schildert
Johann Lippet in zwei ab und zu sich querenden Erzählsträngen:
die Ereignisse im Dorf und die Einflüsse des Stadtlebens auf die
junge Generation.
Die
Dramatik verlagert sich etwa ab der Mitte des Romans auf den
Lebensweg der Lehnert-Tochter Susanne. Das 1951 in Wels/Österreich
geborene Mädchen – hier werden die autobiografischen Züge des
Romans klar erkennbar – wird die erste einheimische Deutschlehrerin
Wiseschdias. Es ist aber zu spät, nicht nur weil sie nicht zu Hause,
sondern in Gottlob unterrichtet; das muss im Vergleich zum Schicksal
anderer Junglehrer im Ceaușescu-Rumänien
sogar noch als besonders glücklich bewertet werden. Sie spürt aber
als junge Germanistikabsolventin besonders den moralischen Verfall
ihrer Umgebung. Ihr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden lässt
sie immer häufiger nach dem Sinn ihres Lebens fragen. Liebes- und
Freundschaftsbeziehungen aus ihrer Studienzeit erweisen sich im
nachhinein als zu flüchtig oder werden vom Tod zerstört.
Lippet
kommentiert bewegende Ereignisse nicht weitschweifig.
Er
kündigt sie in verblüffender Reinheit der Sprache an („Der Sommer
war schwer gewesen: lang, heiß und eintönig.“), um sie dann dem
Leser, der längst seine Sympathie verschenkt hatte, gnadenlos zu
vermitteln: „Sie (Susanne) traf sich auf dem Hutweideweg, der am
Friedhof vorbei in die Andere Gasse führte, mit Richard
Schmidt, um ihm ihre Entscheidung mitzuteilen. Sie hatte sich
entschlossen, ihn zu heiraten, obwohl sie ihn nicht liebte.“
Was
war das für ein Leben im Wiseschdia der achtziger Jahre? Und nicht
nur dort! Der die Dorfereignisse plastisch und oft auch sarkastisch
kommentierende Thomas Richter hatte eines Tages kundgetan „Das
Leben ist nicht mehr lebenswert!“ und sich am gleichen Abend
erhängt.
Johann
Lippet erkannte wahrscheinlich schon als Mitglied der
Aktionsgruppe Banat, dass das Ende bedrohlich nahe war: „Wenn
ich abends spazieren gehe, / gehen wir immer zu dritt: / Mein heller
Schatten / mein dunkler Schatten / und Ich.“ (NEUE BANATER ZEITUNG,
5.3.1972). Doch war es die Zeit (1972 – 1975), in der junge
Aktions-Schriftsteller den Glauben an eine Änderungsfähigkeit des
Regimes noch nicht aufgegeben hatten. Hoffnung und jugendlicher
Optimismus waren angesagt: „immer weiter immer weiter / schreiben
wir wegbereiter“ (NEUE LITERATUR Nr. 4 / 1974). Fast dreißig Jahre
später schreibt der 1951 in Wels/Österreich geborene Johann
Lippet realistische Prosa, die ohne Abstriche als Bereicherung
der deutschen Gegenwartsliteratur apostrophiert werden darf.
Anton
Potche
aus BANATER POST, München, 5. April 2001

