Kürzlich
erläuterte Prof. Friedrich Kraft, Chefredakteur und
Mitherausgeber des DONAUKURIER, einer Schülerjury anlässlich der
19. Bayerischen Theatertage in Ingolstadt (25. Mai bis 10. Juni),
dass eine Theaterkritik „deskriptiv sein müsse, um den Zuschauer
anzuregen, sich seine eigene Meinung zu bilden.“ Daran kann man
sich wohl nur schwer halten, wenn man aufgewühlten Gemüts einen
Theatersaal verlässt. Eine simple Beschreibung der Bühnenhandlung
reicht schwerlich aus, einer Theateraufführung gerecht zu werden,
und eine analytische Nachbetrachtung wird ohne persönliche
Empfindsamkeit des Betrachters nicht auskommen. Auch die
Profikritiker sind Menschen. Zum Glück! Der heute als modern
geltende Grundsatz, „sach- und lesegerechte Kritik zu schreiben“,
führt in so manchem Feuilleton ein klägliches Dasein. Gut so!
Menschen sollen von Menschen geschaffene Kunst nicht nur mit
Sachverstand (wer wagt den beim Begriff Kunst überhaupt zu
definieren?), sondern auch mit Herz und Seele beurteilen dürfen. Das
Resultat wird natürlich immer eine subjektive Kunstrezeption sein,
im Bereich des Theaters nämlich eine Kritik, die in den zwanziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts noch als literarische Gattung
betrachtet wurde.
Als
ich am Abend des Christi-Himmelfahrt-Tages aus dem Fegefeuer in
Ingolstadt kam, war mir klar, dass es jungen Menschen
schwerfallen würde, eine rein oder nur vorwiegend deskriptive Kritik
über dieses Schauspiel Marieluise Fleißers zu
schreiben. Was auf der Bühne in dem zum Teil verschachtelten Rhombus
(Bühnenbild: Konrad Kulke) geschah, war bestimmt nicht
dazu angetan, sie zum Abwägen nach rationalen Kunstkriterien zu
veranlassen.
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v.l.: Martin Prior, Kristine Walther, Friedrich Schilha
FotoQuelle: Stadtteater Ingolstadt |
Olga
(Kristine Walther) ist schwanger. Das macht ihre
familiäre Situation nicht einfacher. Mutter ist schon tot. Vater
Berotter (Peter Greif) ist mit der Erziehung seiner
rivalisierenden Töchter und dem pubertierenden Sohn sichtlich
überfordert. Die arme Olga! Der Macho-Typ Peps (Thomas
Peters) will von einer Vaterschaft nichts wissen. Eng und
begrenzt ist der Raum. Auch wenn die Seiten des Rhombus’ sich
ab und zu verschieben. Es gibt keinen vernünftigen Ausweg aus diesem
Milieu. Die Protagonisten versuchen ihr orientierungsloses Leben in
einer Kleinstadt der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts
irgendwie in den Griff zu bekommen. Der Erste Weltkrieg ist noch
nicht ausgeheilt und der Zweite schickt schon seine Vorboten. Die
beiden von außen künstlich in die Handlung eingeführten und darum
oft als unliebsame Störenfriede empfundene Gestalten Gervasius
(Martin Prior) und Protasius (Friedrich Schilha)
agieren im Auftrag eines gewissen Dr. Hähnle. Ihr Einfluss auf die
Jugendlichen ist katastrophal. Hörigkeit, keimender Massenwahn,
Ausgrenzung der nicht Anpassungsfähigen oder -willigen sind nur
einige der verheerenden Folgen einer abartigen ideologischen
Phrasendrescherei.Die
Stille in der Tiefe des Saales spricht Bände über diese
Inszenierung (Regie: Horst Ruprecht). Als würden
hunderte Menschen einem kollektiven Atem-Anhalten unterliegen.
Anteilnahme, Mitgefühl, Parteinahme und Hoffen bis zum Schluss. Zwei
Stunden ohne Pause. Denn er ist doch auch da, der Mitausgestoßene,
der Mitfühlende, der Mitaußenseiter, der um Rehabilitation
kämpfende, der in jedem Wort und jeder Geste nach Leben heischende
Roelle (Martin Butzke). Ja, er würde Olga nehmen.
Trotz allem. Aber er kann das Außenseiterdasein nicht ertragen. Er
will raus aus dieser Situation. Der Preis ist hoch. Alle moralischen
Werte, eigene und von der spießbürgerlichen Gesellschaft diktierte,
geraten ins Wanken. Aus dem Jungen wird ein religiöser Eiferer. Alle
Versuche, sich Olga zu nähern, zerschellen an Konventionen. Roelle
geht schließlich in den Freitod.
Schweigend
verließen die Menschen das Fegerfeuer in Ingolstadt,
und das an einem warmen, sommerlichen, zur Neige gehenden
Himmelfahrtstag. Einige unterhielten sich im Flüsterton. Unser
Alltag kann eben nur auf den Himmel hindeuten. Das Fegefeuer ist ihm
wesentlich näher, für den Einzelnen schlicht und einfach
begreiflicher. Es stimmt milde und nachdenklich, dieses Stück. Nein,
nicht einmal dem ekelhaften Protasius sei gezürnt. Wie sollte ich
auch, wo sein Darsteller doch noch diesen Sommer die über alle Maßen
erfolgreichen Bretter der Ingolstädter Bühne
verlassen wird. Intendant Wolfram Krempel geht in
Rente, und viele (zu viele) Schauspieler seines hervorragenden
Ensembles werden nach seinen Worten „den Thespiskarren wieder
anspannen“. Auch der in Reschitza geborene Schauspieler Friedrich
Schilha zieht weiter, unermüdlich auf der Suche nach neuen
künstlerischen Herausforderungen. Adieu und viel Erfolg!
Anton Potche
aus BANATER POST, München,
20. August 2001