Kriegerdenkmalweihe in Jahrmarkt
Gestern
hat unsere große Nachbarsgemeinde Jahrmarkt ihrer Pflicht den Söhnen
der Gemeinde gegenüber, die dem Weltkriege zum Opfer fielen, in der
pietätvollsten Weise Genüge geleistet. Der gestrige Tag wird den
Jahrmarktern ewig in Erinnerung stehen. Die Zahl der Opfer der 5000
Seelen betragenden Gemeinde beträgt nicht weniger als 176, deren
Namen in goldenen Lettern in den vor der Kirche stehenden Obelisk
eingemeißelt sind.
Um
10 Uhr vormittag wurden die von Temeswar kommenden Dompropst Franz
Blaskovics und Abgeordneter Dr. Franz Kräuter
vor dem Gemeindehause durch die ehemaligen Krieger mit der Josef
Kelterschen Musik empfangen. Vor dem Pfarrhause, wo
sich die Peter Lorißsche
Knabenkapelle aufgestellt
hatte, wurden die beiden Gäste von der Gemeinderepräsentanz mit
Richter Josef Stefan
an der Spitze, dann dem Jahrmarkter Pfarrer Dechant Nikolaus
Anton und dem die
politische Gemeinde vertretenden Gemeindenotär Adam Kemeny
(in Vertretung des am Erscheinen verhinderten Oberstuhlrichters
Chirilovici) begrüßt. In der Kirche, die so überfüllt war,
daß sogar einige hundert Leute vor dem Gotteshause standen,
zelebrierte Dompropst Blaskovics das Hochamt. Ihm
assistierten: Dechant Nikolaus Anton, Pfarrer Johann
Pflug (Bruckenau), Pfarrer Matthias Wetzler
(Bentschek) und Kaplan Anton Csik (Jahrmarkt). Unter
Leitung des Direktorlehrers Johann Mersdorf
sang am Chor der gemischte
Kirchenchor die Messe.
Nach dem Gottesdienste stellte sich eine fast unübersehbare Menge um
das Denkmal auf. Ganz vorne standen die Witwen und Waisen, die Eltern
und Angehörigen der Kriegsopfer. Die Feierlichkeit begann mit der
durch die Kapelle Loriß
vorgetragene rumänische Königshymne. Das bittere Schluchzen
und Weinen wollte nicht aufhören, als der hohe geistliche
Würdenträger in seiner Rede die Greuel des Krieges und die
beispielgebende Treue, sowie das selbstaufopfernde Pflichtbewußtsein
unserer Kriegshelden schilderte, welche Tugenden uns noch viel mehr
im friedlichen Streben stets vor Augen schweben mögen. Denn auf
ihnen baut sich das Glück des Einzelnen, der Familie und Gesamtheit
auf. Sie entspringen dem Glauben und Gottvertrauen und werden
begleitet durch werktätige Nächstenliebe.
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Prälat Franz Blaskovics in Jahrmarkt, 29.10.1928
Screenshot: Anton Potche FotoQuelle: BDZ |
Nach
der
vollzogenen Weihe des Denkmals sagten die Jünglinge Franz
Nower,
Sebastian
Weiland
und Johann
Zerwes,
deren Väter Kriegsopfer sind, vor dem Denkmal je einen Spruch auf.
Zwei im Jahre 1918 geborne Kinder, die ihren gefallenen Vater nicht
gekannt haben, sagten gleichfalls je einen kurzen Spruch auf. Frl.
Anna
Kökenyi,
deren Vater ebenfalls gefallen ist, sprach im Namen der Ueberländer
Angehörigen. Hierauf
legte Gemeinderichter Josef
Stefan
im Namen der Bevölkerung einen Kranz auf den Sockel des Denkmals und
übernahm es in die Obhut der Gemeinde.
Sodann
fand die Defilierung vor dem Denkmal statt. Die Vereine und
Körperschaften, die ein Fahne haben, zogen mit gesenkter Fahne
vorbei. Es defilierten: etwa 400 Kämpfer aus dem Weltkriege unter
Kommando des Lehrer Willwerth. der Landwirtschaftsverein
(unter Führung seines Obmannstellvertreters Johann Loriß);
die Gewerbekorporation (Obmann: Tischlermeister Peter Kremer);
der Arbeiterverein (Obmann: Sebastian Weber); die
Ortsgemeinschaft (Obmann: Josef Seibert); der
Leseverein (Obmannstellvertreter: Sebastian Albinger);
der Jugendverein; die ehemaligen Mitglieder des aufgelösten
Schützenvereins (gewesener Obmann: Johann Wagner); der
Leichenverein (Obmann: Josef Schneider); der
Marienverein (Vorsitzende: Frau Witwe Marianne Kunz);
der Rosenkranzverein (Vorsitzende: Frau Witwe Regina
Schreiber) und die freiwillige Feuerwehr (Kommandant:
Matthias Schuld), die auch für die tadellose Ordnung
sorgte.
Das
Denkmal, das einen fünf Meter hohen, aus weißem Marmor
verfertigten, mit Kreuz gekrönten Obelisken darstellt, ist das Werk
der Steinmetzfirmen Brunner in Bruckenau und Tunner
in Temeswar. Es wurde nach dem Entwurf des Jahrmarkter Maurermeisters
Georg Haas ausgeführt. Die bisherigen Kosten (rund 124.000
Lei) wurden durch Spenden aufgebracht.
An
dem unvergeßlich bleibenden eindrucksvollen Totenfeste nahmen auch
viele fremde Gäste Teil. So kam eine aus 250 Gläubigen bestehende
Prozession aus Ueberland, geführt vom Geschwornen Johann
Nischbach. Dann waren zahlreiche Gäste anwesend aus
Bentschek, Billed, Bruckenau, Guttembrunn, Mercydorf, Neubeschenowa,
Neudorf, Orzydorf, Sackelhausen, Sankt=Andreas, Temeswar usw. Die
Schuljugend rückte unter Führung des Direktorlehrers Johann
Merstorf und der Lehrer Joh. Bosch, Frau Helene
Linster, Frl. Helene Linster, Anton
Willwerth und Jakob Linster (Ueberland) aus. Die Kleinen des Kindergartens waren
unter der Führung der Frau Elise Haupt erschienen.
Unter den Gästen sahen wir noch: Vizenotär Peter Dürbeck,
Arzt Dr. Hans Bürger, Tierarzt Hans Kollmer,
Stationschef Stefan Bandau u.v.a.
Nach
den ergreifenden Festlichkeiten fand im Hofe des Bauern= und
Lesevereines ein Bankett statt, bei welchem Notär Kemeny den
Königstoast hielt. Abgeordneter Dr. Kräuter eiferte in
ausführlicher Rede dazu an, die Liebe zu den Helden auch armen
Angehörigen derselben zu bekunden. Dechant Anton dankte allen
Gästen, namentlich dem Prälaten Blaskovics für ihre
Mitwirkung zur Hebung der Feier, worauf letzterer sein Glas auf das
Wohl der Gemeinde erhob.
aus BANATER DEUTSCHE ZEITUNG, Timisoara=Temeswar,
30. Oktober 1928