Donnerstag, 2. April 2026

Ohrwürmer von OPUS 5

 
Bläsermusik vom Generalbasszeitalter bis in die Gegenwart präsentieren eine Posaunistin, ein Hornist, zwei Trompeter und ein Tubist auf einer CD unter dem Titel Wonderbrass. Was auf den ersten Blick besticht, ist das Alter oder besser gesagt, die Jugend dieses Ensembles. Umso überraschter darf man darum sein, wenn man sich die Interpretationen der Einspielung anhört.
Die Sonate aus einer Bänkelsängerlieder-Sammlung des 17. Jahrhunderts lässt uns in ihrer herzerfrischenden Vortragsweise den dieser Liedgattung oft zugeschriebenen Frevelinhalt erahnen. Ein zünftiger Auftakt, würde man heute in manierierter Jahrmarktsprache wohl sagen.
Doch schnell wendet das jugendliche Quintett sich dem Ernst des Lebens zu. 1722 und 1744 erschienen die zwei Bände des Wohltemperierten Klaviers. 48 Präludien und Fugen, das sind jeweils ein kurzes Vorspiel und eine folgende „Flucht“ einer Hauptstimme vor einer oder mehreren Nebenstimmen, hat Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) darin veröffentlicht. Neunzehn weitere Werke dieser Gattung komponierte er für die Orgel. Wie ein Stück mit Blasinstrumenten klingt, führt OPUS 5 uns eindrucksvoll mit Präludium und Fuge e-Moll BWV 555 vor. Das Werk entstammt einer Sammlung von acht Präludien und Fugen, die Bach in seinen frühen Weimarer Jahren für seine Schüler geschrieben haben könnte. Als diese CD aufgenommen wurde, waren die fünf Instrumentalisten auch noch alle Schüler oder Studierende.
Das folgende Stück stammt aus der Feder des Franzosen Jean Joseph Mouret (1682 – 1738) und ist mit Rondeau überschrieben. Es handelt sich um ein Ritornell, das als Vor- und Nachspiel die Pausen zwischen den Chorälen auszufüllen hatte. Dementsprechend kurz ist auch das hier aufgeführte Werk.
Heinrich Finck (um 1445 – 1527) wurde in seinem musikalischen Schaffen als Großmeister apostrophiert und sogar mit Albrecht Dürer verglichen. Im Jahre 1536 erschienen Schöne auserlesene Lieder des hochberühmten Heinrici Finckens. Daraus hören wir die Instrumentalfassung des Liedes Greiner Zanner.
Antonio Vivaldi (1678 – 1741) ist einer der produktivsten Tonschöpfer überhaupt. 49 Opern und sage und schreibe 300 Konzerte umfasst sein Mammutwerk. Von den kleineren Vivaldi-Kompositionen spielt die Gruppe OPUS 5 die Sonate in Es-Dur.
Canzona per Sonare No. 4 ist ein Werk des Venezianers Giovanni Gabrieli (um 1557 – 1612), das die Experimentierfreudigkeit dieses Tonkünstlers dokumentiert und auf dieser CD zu hören ist. Gabrieli war ab 1586 Organist an der Münchner Markuskirche, deren Doppelchörigkeit er voll ausnutzte. In seinen Instrumentalwerken sollen sich bisweilen 22 Stimmen gleichzeitig tummeln.
Anton Bruckner (1824 – 1896) ist der Inbegriff großer sinfonischer Dichtung. Man stellt sich riesige Klangkörper und gloriose Hymnik, die unserer Schnelllebigkeit trotzig die Stirn bietet, vor. Bruckners 8. Sinfonie füllt allein einen Konzertabend aus. Da durfte man gespannt sein, was fünf angehende Bläserprofis aus so einem Nimbus machen. Oh ja, in Introduktion und Postludium f-Moll schwingt wirklich ein Hauch von barocker Erhabenheit.
Die Suite for Brass Quintett bietet einen kurzen Einblick in Edward Hagerup Griegs (1843 – 1907) Werk und macht uns vertraut mit den Klängen des hohen Nordens. Die eigenständige Klangfarbe steht in wohltuendem Kontrast zu dem bisher Gehörten.
Mit Klaus-Peter Bruchmann (geb. 1932) präsentiert OPUS 5 einen zeitgenössischen Komponisten, der auch zahlreiche Blasorchesterwerke geschrieben hat. Das hier gespielte Stück Cinq pour Cinq bringt den Gestaltungsbogen des Komponisten voll zur Geltung: Prelude, Walzer, Gavotte, Chanson, Can-Can.
Ja was klingt denn da zum Schluss? „Wenn du mal in Hawai bist / Und wenn es grade Mai ist / Und wenn dein Herz frei ist, / Dann komm zu mir“. Und das im saloppen Foxtrott-Rhythmus. Warum nicht? Eine hervorragende Idee, diese Hommage an die leichte Muse. Jan Koetsier (geb. 1911) hat den Kleinen Kinderzirkusmarsch op. 79/b geschrieben, und die soeben den Kinderschuhen entwachsenen Protagonisten der im wahrsten Sinne des Wortes Wonderbrass-CD haben ihn reizend interpretiert.
OPUS 5, das sind: Steffi Scheuer (Posaune, sie war Schülerin des aus Temeswar stammenden Posaunisten der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen, Hans Breika), Winfried Haag (Trompete), Thomas Hammes (Trompete), Andreas Heinz (Horn) und Siegfried Jung (Tuba). Letzterer wurde in Jahrmarkt / Banat geboren und seine zwei ersten Lehrer waren Mathias Loris und Oswald Windrich, beide ebenfalls aus Jahrmarkt stammend. Bei der Gala junger Banater Solisten anlässlich des Heimattages der Banater Schwaben im Jahre 2000 war Siegfried Jung als einziger Bläser ein würdiger Vertreter der Banater Bläsertradition.
Wer wissen will, warum OPUS 5 von Burgund bis Moskau und Sankt Petersburg zu Konzerten eingeladen wird, der sollte sich diese CD anhören. Lyrisch, harmonisch, rhythmisch exakt, dynamisch, sind nur einige der Eigenschaftswörter, die diese Scheibe verdient, ganz zu schweigen von der perfekten Intonation.
Anton Potche

aus BANATER POST, München, 20. April 2001

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