Dienstag, 11. August 2026

Gedenkfeier für die Kriegsopfer

 Kriegerdenkmalweihe in Jahrmarkt

Gestern hat unsere große Nachbarsgemeinde Jahrmarkt ihrer Pflicht den Söhnen der Gemeinde gegenüber, die dem Weltkriege zum Opfer fielen, in der pietätvollsten Weise Genüge geleistet. Der gestrige Tag wird den Jahrmarktern ewig in Erinnerung stehen. Die Zahl der Opfer der 5000 Seelen betragenden Gemeinde beträgt nicht weniger als 176, deren Namen in goldenen Lettern in den vor der Kirche stehenden Obelisk eingemeißelt sind. 
Um 10 Uhr vormittag wurden die von Temeswar kommenden Dompropst Franz Blaskovics und Abgeordneter Dr. Franz Kräuter vor dem Gemeindehause durch die ehemaligen Krieger mit der Josef Kelterschen Musik empfangen. Vor dem Pfarrhause, wo sich die Peter Lorißsche Knabenkapelle aufgestellt hatte, wurden die beiden Gäste von der Gemeinderepräsentanz mit Richter Josef Stefan an der Spitze, dann dem Jahrmarkter Pfarrer Dechant Nikolaus Anton und dem die politische Gemeinde vertretenden Gemeindenotär Adam Kemeny (in Vertretung des am Erscheinen verhinderten Oberstuhlrichters Chirilovici) begrüßt. In der Kirche, die so überfüllt war, daß sogar einige hundert Leute vor dem Gotteshause standen, zelebrierte Dompropst Blaskovics das Hochamt. Ihm assistierten: Dechant Nikolaus Anton, Pfarrer Johann Pflug (Bruckenau), Pfarrer Matthias Wetzler (Bentschek) und Kaplan Anton Csik (Jahrmarkt). Unter Leitung des Direktorlehrers Johann Mersdorf sang am Chor der gemischte Kirchenchor die Messe. Nach dem Gottesdienste stellte sich eine fast unübersehbare Menge um das Denkmal auf. Ganz vorne standen die Witwen und Waisen, die Eltern und Angehörigen der Kriegsopfer. Die Feierlichkeit begann mit der durch die Kapelle Loriß vorgetragene rumänische Königshymne. Das bittere Schluchzen und Weinen wollte nicht aufhören, als der hohe geistliche Würdenträger in seiner Rede die Greuel des Krieges und die beispielgebende Treue, sowie das selbstaufopfernde Pflichtbewußtsein unserer Kriegshelden schilderte, welche Tugenden uns noch viel mehr im friedlichen Streben stets vor Augen schweben mögen. Denn auf ihnen baut sich das Glück des Einzelnen, der Familie und Gesamtheit auf. Sie entspringen dem Glauben und Gottvertrauen und werden begleitet durch werktätige Nächstenliebe.
Prälat Franz Blaskovics
in Jahrmarkt, 29.10.1928 
Screenshot: Anton Potche
FotoQuelle: BDZ
Nach der vollzogenen Weihe des Denkmals sagten die Jünglinge Franz Nower, Sebastian Weiland und Johann Zerwes, deren Väter Kriegsopfer sind, vor dem Denkmal je einen Spruch auf. Zwei im Jahre 1918 geborne Kinder, die ihren gefallenen Vater nicht gekannt haben, sagten gleichfalls je einen kurzen Spruch auf. Frl. Anna Kökenyi, deren Vater ebenfalls gefallen ist, sprach im Namen der Ueberländer Angehörigen. Hierauf legte Gemeinderichter Josef Stefan im Namen der Bevölkerung einen Kranz auf den Sockel des Denkmals und übernahm es in die Obhut der Gemeinde.
Sodann fand die Defilierung vor dem Denkmal statt. Die Vereine und Körperschaften, die ein Fahne haben, zogen mit gesenkter Fahne vorbei. Es defilierten: etwa 400 Kämpfer aus dem Weltkriege unter Kommando des Lehrer Willwerth. der Landwirtschaftsverein (unter Führung seines Obmannstellvertreters Johann Loriß); die Gewerbekorporation (Obmann: Tischlermeister Peter Kremer); der Arbeiterverein (Obmann: Sebastian Weber); die Ortsgemeinschaft (Obmann: Josef Seibert); der Leseverein (Obmannstellvertreter: Sebastian Albinger); der Jugendverein; die ehemaligen Mitglieder des aufgelösten Schützenvereins (gewesener Obmann: Johann Wagner); der Leichenverein (Obmann: Josef Schneider); der Marienverein (Vorsitzende: Frau Witwe Marianne Kunz); der Rosenkranzverein (Vorsitzende: Frau Witwe Regina Schreiber) und die freiwillige Feuerwehr (Kommandant: Matthias Schuld), die auch für die tadellose Ordnung sorgte. 
Das Denkmal, das einen fünf Meter hohen, aus weißem Marmor verfertigten, mit Kreuz gekrönten Obelisken darstellt, ist das Werk der Steinmetzfirmen Brunner in Bruckenau und Tunner in Temeswar. Es wurde nach dem Entwurf des Jahrmarkter Maurermeisters Georg Haas ausgeführt. Die bisherigen Kosten (rund 124.000 Lei) wurden durch Spenden aufgebracht. 
An dem unvergeßlich bleibenden eindrucksvollen Totenfeste nahmen auch viele fremde Gäste Teil. So kam eine aus 250 Gläubigen bestehende Prozession aus Ueberland, geführt vom Geschwornen Johann Nischbach. Dann waren zahlreiche Gäste anwesend aus Bentschek, Billed, Bruckenau, Guttembrunn, Mercydorf, Neubeschenowa, Neudorf, Orzydorf, Sackelhausen, Sankt=Andreas, Temeswar usw. Die Schuljugend rückte unter Führung des Direktorlehrers Johann Merstorf und der Lehrer Joh. Bosch, Frau Helene Linster, Frl. Helene Linster, Anton Willwerth und Jakob Linster (Ueberland) aus. Die Kleinen des Kindergartens waren unter der Führung der Frau Elise Haupt erschienen. Unter den Gästen sahen wir noch: Vizenotär Peter Dürbeck, Arzt Dr. Hans Bürger, Tierarzt Hans Kollmer, Stationschef Stefan Bandau u.v.a. 
Nach den ergreifenden Festlichkeiten fand im Hofe des Bauern= und Lesevereines ein Bankett statt, bei welchem Notär Kemeny den Königstoast hielt. Abgeordneter Dr. Kräuter eiferte in ausführlicher Rede dazu an, die Liebe zu den Helden auch armen Angehörigen derselben zu bekunden. Dechant Anton dankte allen Gästen, namentlich dem Prälaten Blaskovics für ihre Mitwirkung zur Hebung der Feier, worauf letzterer sein Glas auf das Wohl der Gemeinde erhob.

aus BANATER DEUTSCHE ZEITUNG, Timisoara=Temeswar, 

30. Oktober 1928

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen