Dienstag, 3. November 2026

Friedrich Schilha schürt vergnüglich im "Fegefeuer in Ingolstadt"

 
Kürzlich erläuterte Prof. Friedrich Kraft, Chefredakteur und Mitherausgeber des DONAUKURIER, einer Schülerjury anlässlich der 19. Bayerischen Theatertage in Ingolstadt (25. Mai bis 10. Juni), dass eine Theaterkritik „deskriptiv sein müsse, um den Zuschauer anzuregen, sich seine eigene Meinung zu bilden.“ Daran kann man sich wohl nur schwer halten, wenn man aufgewühlten Gemüts einen Theatersaal verlässt. Eine simple Beschreibung der Bühnenhandlung reicht schwerlich aus, einer Theateraufführung gerecht zu werden, und eine analytische Nachbetrachtung wird ohne persönliche Empfindsamkeit des Betrachters nicht auskommen. Auch die Profikritiker sind Menschen. Zum Glück! Der heute als modern geltende Grundsatz, „sach- und lesegerechte Kritik zu schreiben“, führt in so manchem Feuilleton ein klägliches Dasein. Gut so! Menschen sollen von Menschen geschaffene Kunst nicht nur mit Sachverstand (wer wagt den beim Begriff Kunst überhaupt zu definieren?), sondern auch mit Herz und Seele beurteilen dürfen. Das Resultat wird natürlich immer eine subjektive Kunstrezeption sein, im Bereich des Theaters nämlich eine Kritik, die in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch als literarische Gattung betrachtet wurde.
Als ich am Abend des Christi-Himmelfahrt-Tages aus dem Fegefeuer in Ingolstadt kam, war mir klar, dass es jungen Menschen schwerfallen würde, eine rein oder nur vorwiegend deskriptive Kritik über dieses Schauspiel Marieluise Fleißers zu schreiben. Was auf der Bühne in dem zum Teil verschachtelten Rhombus (Bühnenbild: Konrad Kulke) geschah, war bestimmt nicht dazu angetan, sie zum Abwägen nach rationalen Kunstkriterien zu veranlassen.
v.l.: Martin Prior, Kristine Walther, 
Friedrich Schilha
FotoQuelle: Stadtteater Ingolstadt
Olga (Kristine Walther) ist schwanger. Das macht ihre familiäre Situation nicht einfacher. Mutter ist schon tot. Vater Berotter (Peter Greif) ist mit der Erziehung seiner rivalisierenden Töchter und dem pubertierenden Sohn sichtlich überfordert. Die arme Olga! Der Macho-Typ Peps (Thomas Peters) will von einer Vaterschaft nichts wissen. Eng und begrenzt ist der Raum. Auch wenn die Seiten des Rhombus’ sich ab und zu verschieben. Es gibt keinen vernünftigen Ausweg aus diesem Milieu. Die Protagonisten versuchen ihr orientierungsloses Leben in einer Kleinstadt der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts irgendwie in den Griff zu bekommen. Der Erste Weltkrieg ist noch nicht ausgeheilt und der Zweite schickt schon seine Vorboten. Die beiden von außen künstlich in die Handlung eingeführten und darum oft als unliebsame Störenfriede empfundene Gestalten Gervasius (Martin Prior) und Protasius (Friedrich Schilha) agieren im Auftrag eines gewissen Dr. Hähnle. Ihr Einfluss auf die Jugendlichen ist katastrophal. Hörigkeit, keimender Massenwahn, Ausgrenzung der nicht Anpassungsfähigen oder -willigen sind nur einige der verheerenden Folgen einer abartigen ideologischen Phrasendrescherei.
Die Stille in der Tiefe des Saales spricht Bände über diese Inszenierung (Regie: Horst Ruprecht). Als würden hunderte Menschen einem kollektiven Atem-Anhalten unterliegen. Anteilnahme, Mitgefühl, Parteinahme und Hoffen bis zum Schluss. Zwei Stunden ohne Pause. Denn er ist doch auch da, der Mitausgestoßene, der Mitfühlende, der Mitaußenseiter, der um Rehabilitation kämpfende, der in jedem Wort und jeder Geste nach Leben heischende Roelle (Martin Butzke). Ja, er würde Olga nehmen. Trotz allem. Aber er kann das Außenseiterdasein nicht ertragen. Er will raus aus dieser Situation. Der Preis ist hoch. Alle moralischen Werte, eigene und von der spießbürgerlichen Gesellschaft diktierte, geraten ins Wanken. Aus dem Jungen wird ein religiöser Eiferer. Alle Versuche, sich Olga zu nähern, zerschellen an Konventionen. Roelle geht schließlich in den Freitod. 
Schweigend verließen die Menschen das Fegerfeuer in Ingolstadt, und das an einem warmen, sommerlichen, zur Neige gehenden Himmelfahrtstag. Einige unterhielten sich im Flüsterton. Unser Alltag kann eben nur auf den Himmel hindeuten. Das Fegefeuer ist ihm wesentlich näher, für den Einzelnen schlicht und einfach begreiflicher. Es stimmt milde und nachdenklich, dieses Stück. Nein, nicht einmal dem ekelhaften Protasius sei gezürnt. Wie sollte ich auch, wo sein Darsteller doch noch diesen Sommer die über alle Maßen erfolgreichen Bretter der Ingolstädter Bühne verlassen wird. Intendant Wolfram Krempel geht in Rente, und viele (zu viele) Schauspieler seines hervorragenden Ensembles werden nach seinen Worten „den Thespiskarren wieder anspannen“. Auch der in Reschitza geborene Schauspieler Friedrich Schilha zieht weiter, unermüdlich auf der Suche nach neuen künstlerischen Herausforderungen. Adieu und viel Erfolg!

Anton Potche 

aus BANATER POST, München, 20. August 2001

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