Zur
Neuerscheinung Tief in Russland bei Stalino
Hannelore
Baier (Hrsg.): Tief in Russland bei Stalino – Erinnerungen und
Dokumente zur Deportation in die Sowjetunion 1945; ADZ Verlag,
Bukarest, 2000; ISBN 973-98318-8-5. Das Buch ist in Rumänien
erhältlich.
Die
Verschleppung der Deutschen aus Ost- und Südosteuropa blieb bis zum
Eintritt des politischen Tauwetters ein weitgehend tabuisiertes Thema
sowohl östlich als auch westlich des Eisernen Vorhangs. Während man
im Osten Schuld oder Mitschuld zu vertuschen hatte, pflegte man im
Westen (besonders in der Bundesrepublik) die Aufarbeitung des vom
Nationalsozialismus hinterlassenen Geschichtserbes so gründlich,
dass alles unschuldigen Deutschen (die gab es nämlich während und
kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auch) zugefügte Leid erstmals in der
Rumpelkammer der europäischen Geschichte landete.
Nach
1989 wurde diese Kammer geöffnet, und so manches geschichtswürdige
Ereignis ( das sind beileibe nicht nur irgendwelche Schlachten
gekrönter Häupter oder kriegslüsterner Staatsführer) gelangte an
die Öffentlichkeit. Die Landsmannschaften in Deutschland haben das
Unrecht der Deportation zwar schon immer angemahnt, die allmählich
zugänglicher werdenden Archive im Osten und Südosten Europas haben
aber zur wissenschaftlichen Erforschung dieses Phänomens neue Wege
ermöglicht. Das hat wohl auch dazu beigetragen, dass bundesdeutsche
Interessengruppen oder Einzelpersonen auf das Thema der Deportation
aufmerksam wurden. Auch in Rumänien hat man in den letzten Jahren
der Verschleppung der deutschen arbeitsfähigen Bevölkerung in die
Sowjetunion verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt.
Die
Reihe der zu diesem Thema erschienenen Bücher wird von einem Band
ergänzt, der in Zusammenarbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung Rumänien
mit dem Verlag der ALGEMEINE DEUTSCHE ZEITUNG FÜR RUMÄNIEN entstanden ist und in seinem bibliographischen Anhang auf 19
Zeitungs- und Zeitschriftenartikel sowie 43 Buchveröffentlichungen
in vier Sprachen zu dieser Thematik verweist. Tief in Russland
bei Stalino enthält eine sehr aufschlussreiche Sammlung von
Dokumenten und Erlebnisberichten. Diese Mischung aus historischem
Hintergrund und vordergründigem persönlichem Leid zeichnet ein
nachvollziehbares Bild der Ereignisse des Januarmonats 1945 in den
von Deutschen besiedelten Gebieten Rumäniens und der folgenden fünf
Jahre im sowjetischen Donbass.
Der
Aufbau des Buches beginnt mit einem Vorwort von Ignaz Bernhard
Fischer, dem Vorsitzenden der Vereinigung der ehemaligen
Russland-Deportierten in Rumänien. In der folgenden Einleitung
stellt Hannelore Baier fest: „Das Wissen um diese
historischen Fakten kann weder die Demütigungen und das Leid, das
die Deportierten zu ertragen hatten, noch ihren Vertrauensverlust zum
rumänischen Staat ungeschehen machen. Das Kennen und Verstehen der
tatsächlichen Hintergründe der Zwangsverschleppung ist jedoch für
die Gegenwart und Zukunft der deutschen Gemeinschaft in Rumänien und
das deutsch-rumänische Verhältnis äußerst wichtig.“
In
19 Kapiteln werden anschließend alle Aspekte der Deportation sowohl
aus Sicht der zeitgenössischen Dokumente als auch aus der
Empfindsamkeit der Betroffenen durchleuchtet. Was die zahlreichen
Erlebnisberichte angeht, kann man sich leicht vorstellen, dass die
seelischen und körperlichen Qualen der Verschleppten womöglich noch
bedeutend größer waren, als sie heute nach 50 und mehr Jahren von
den Betroffenen wieder nachempfunden werden können. Bei den
Kapitelüberschriften ist bereits eine klare Gliederung der Thematik
in zwei Kategorien zu erkennen: einerseits die äußeren Umstände
und Abläufe (die politische Lage; der Deportationsbefehl; die
Listen; die Aushebungen usw.) und andererseits die Auswirkungen auf
das einzelne Individuum (Hunger, Tod, Heimweh, Heimfahrtgerüchte
usw.). Abgeschlossen wird die Kapitelreihe mit dem wohl als Fazit
gedachten Titel Das Unrecht. Ignaz Bernhard Fischer
resümiert darin folgerichtig: „Es hat sich an uns wiederholt, was
schon oft in der Geschichte geschehen ist: Wenn die Großen mit der
Mühle der Politik mahlen, gerät immer der kleine Mann zwischen die
Mühlsteine.“
Die
für so manche Familienexistenz aus den Reihen der deutschen
Volksgruppen in Rumänien verhängnisvolle Deportation hat auch in
der Kunst ihren Niederschlag gefunden. Dieses Buch enthält zwölf
Graphiknachdrucke von Friedrich von Bömches. Alle Graphiken
vermitteln das Leid als eine kompakte Masse. Alles ist in diesen
Tuschzeichnungen ein düsterer Klumpen: „Menschenrechte“,
„Hoffnungslos“, „Weg zum Lager“, „Das Unglück“. Jeder
Strich deutet auf Endzeitstimmung hin.
Man
sollte diese Buchbesprechung nicht abschließen, ohne Ignatz
Bernhard Fischer ein zweites Mal zu zitieren: „Wir,
die Überlebenden der Deportation, haben einen heißen Wunsch: Mögen
sich dergleichen Ereignisse nie wiederholen!“
Anton Potche
aus BANATER POST, München, 20. März 2001

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