Dienstag, 3. März 2026

Durch „Die Tür zur hinteren Küche“ schreiten längst andere Menschen

 Zum neuen Roman von Johann Lippet

Johann Lippet: Die Tür zur hinteren Küche, Roman, 320 Seiten; Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, 2000; ISBN 3-88423-169-3; 39,80 DM.

Als der Roman sich seinem Ende näherte, nahm ich mir vor, die BANATER-POST-Ausgabe des Jahres 1985 hervorzunehmen und nach dem Namen Anton Lehnert in der Begrüßungsrubrik für Aussiedler zu suchen. Das unterließ ich dann aber, als ich das Buch, ja, fast deprimiert zuschlug. Wie konnte ich auch hoffen, dass dieser Roman doch noch ein glückliches Ende finden würde?
Johann Lippet lebte zu nahe an der Wirklichkeit, um die banatschwäbische Katastrophe nur andeutungsweise versöhnlich ausklingen zu lassen. Dass der Leser bis zur letzten Seite im Unterbewusstsein einen unbeschwerlichen Ausgang des hier vorliegenden Lesestoffes ersehnt (zumindest mir erging es so), liegt an den Menschen, die diese Seiten bevölkern. Man fühlt mit ihnen und bezieht hie und da sogar Partei.
Anton Lehnert ist bislang das letzte Glied einer langen Kette von Gestalten, die durch ihr Denken und handeln als literarische Denkmäler des banatschwäbischen Menschen betrachtet werden können: Susi Weidmann, Regina Schurmann, Melcher Pitt, Michel Trautner, Anton Wanninger, Stirner und andere. Ihre Schöpfer gehören zu den Repräsentanten eines zweihundertjährigen regen deutschen Literaturbetriebes im Banat: Adam Müller-Guttenbrunn, Hans Wolfram Hockl, Franz Heinz, Franz Keller, Hans Bohn, Richard Wagner und nicht zuletzt Johann Lippet.
Die Tür zur hinteren Küche kommt nur langsam in Schwung. Es ist so, als ob sie schon länger in den Angeln quietschen würde und nicht erst seit Beginn dieser Handlung: „An einem Oktobermorgen 1956 holperte ein Pferdewagen über den Feldweg auf Wiseschdia zu.“ Trotzdem wirkt das Geschehen nie langatmig, und je übersichtlicher die nicht gerade einfachen Familienverhältnisse der Lehnerts, Bettendorfs, Hubers und Potjes werden, desto mehr lebt man sich in den Dorfalltag des Heidedörfchens ein.
In dem ausschließlich bäuerlich geprägten Dorfmilieu bläst nach dem Zweiten Weltkrieg ein neuer Wind. Die Veränderungen aller Lebensbereiche kommen langsam, aber stetig über die Dorfbewohner. So mancher merkt es erst, wenn er von einem Schicksalsschlag getroffen wird. Anton Lehnert ist einer jener bodenständigen, erzkonservativen Menschen, die nur schwer wahrhaben wollen (oder können), dass ein tödlicher Sturm über die Heide braust. Was hätte er auch dagegen tun können?
Dieses Buch versucht in einem schlichten, präzisen und trotzdem einfühlsamen Ton, bar jeder Larmoyanz, das Sterben des banatschwäbischen Dorfes als schicksalhaft im Kontext der europäischen Nachkriegsereignisse darzustellen. Unter den gegebenen Bedingungen musste es untergehen. Diesen schleichenden Tod schildert Johann Lippet in zwei ab und zu sich querenden Erzählsträngen: die Ereignisse im Dorf und die Einflüsse des Stadtlebens auf die junge Generation.
Die Dramatik verlagert sich etwa ab der Mitte des Romans auf den Lebensweg der Lehnert-Tochter Susanne. Das 1951 in Wels/Österreich geborene Mädchen – hier werden die autobiografischen Züge des Romans klar erkennbar – wird die erste einheimische Deutschlehrerin Wiseschdias. Es ist aber zu spät, nicht nur weil sie nicht zu Hause, sondern in Gottlob unterrichtet; das muss im Vergleich zum Schicksal anderer Junglehrer im Ceaușescu-Rumänien sogar noch als besonders glücklich bewertet werden. Sie spürt aber als junge Germanistikabsolventin besonders den moralischen Verfall ihrer Umgebung. Ihr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden lässt sie immer häufiger nach dem Sinn ihres Lebens fragen. Liebes- und Freundschaftsbeziehungen aus ihrer Studienzeit erweisen sich im nachhinein als zu flüchtig oder werden vom Tod zerstört.
Lippet kommentiert bewegende Ereignisse nicht weitschweifig. Er kündigt sie in verblüffender Reinheit der Sprache an („Der Sommer war schwer gewesen: lang, heiß und eintönig.“), um sie dann dem Leser, der längst seine Sympathie verschenkt hatte, gnadenlos zu vermitteln: „Sie (Susanne) traf sich auf dem Hutweideweg, der am Friedhof vorbei in die Andere Gasse führte, mit Richard Schmidt, um ihm ihre Entscheidung mitzuteilen. Sie hatte sich entschlossen, ihn zu heiraten, obwohl sie ihn nicht liebte.“
Was war das für ein Leben im Wiseschdia der achtziger Jahre? Und nicht nur dort! Der die Dorfereignisse plastisch und oft auch sarkastisch kommentierende Thomas Richter hatte eines Tages kundgetan „Das Leben ist nicht mehr lebenswert!“ und sich am gleichen Abend erhängt.
Johann Lippet erkannte wahrscheinlich schon als Mitglied der Aktionsgruppe Banat, dass das Ende bedrohlich nahe war: „Wenn ich abends spazieren gehe, / gehen wir immer zu dritt: / Mein heller Schatten / mein dunkler Schatten / und Ich.“ (NEUE BANATER ZEITUNG, 5.3.1972). Doch war es die Zeit (1972 – 1975), in der junge Aktions-Schriftsteller den Glauben an eine Änderungsfähigkeit des Regimes noch nicht aufgegeben hatten. Hoffnung und jugendlicher Optimismus waren angesagt: „immer weiter immer weiter / schreiben wir wegbereiter“ (NEUE LITERATUR Nr. 4 / 1974). Fast dreißig Jahre später schreibt der 1951 in Wels/Österreich geborene Johann Lippet realistische Prosa, die ohne Abstriche als Bereicherung der deutschen Gegenwartsliteratur apostrophiert werden darf.
Anton Potche

aus BANATER POST, München, 5. April 2001

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