Dienstag, 21. Mai 2019

100. Kerweifest in Tschakowa

Auch in Großsanktpeter, Liebling und Şandra wurde gefeiert
j.h. Temeswar. – 75 Paare beteiligten sich in diesem Jahr an dem Jubiläumskerweifest – dem hundertsten – in der Großgemeinde Tschakowa. Davon waren 11 Paare Schüler in schwäbischer Tracht und 64 Paare Jugendliche und Verheiratete mit geputzten Hüten. Zum Aufmarsch wie zum Tanz spielte die bekannte Jahrmarkter Blasmusik unter der Leitung von Prof. Hans Kaszner auf.
Begonnen hat das Fest schon Samstagnachmittag, als man nur mit Bändern geschmückt und mit Wein durch die Gemeinde zog, um Einladungen auszuteilen und „Karte“, Lose für Hut und Tuch, zu verkaufen. Die Eröffnung des Festes, die auch als Höhepunkt galt, fand Sonntagnachmittag, 15 Uhr, auf dem Platz vor dem Gemeindehaus statt. Eröffnet wurde die Kerwei mit dem Tschakowaer Kerweiländler, einem traditionellen Tanz, der nur von den Kerweipaaren getanzt wird. Anschließend tanzten die elf Schülerpaare einen „Bandeltanz“, eingeübt von Prof. Edith Tausch und Prof. Eva Funk. Es folgte der Aufmarsch der Kerweipaare zum Kulturhaus, wo die Tanzunterhaltung stattfand. Am Sonntagabend gegen 19 Uhr wurden Hut und Tuch verlost. Glücklicher  Gewinner der Kerweisymbole war Joschi Kuhn. Den Bock gewann beim Kegeln Anton Belagy und spendete ihn der Kerweigesellschaft.
Am Abend, als ein Marsch die Tanzunterhaltung beendete, begleitete die ganze Kerweigesellschaft mit Musik den Gewinner von Hut und Tuch nach Hause, wo man herrlich empfangen wurde und ein kleines Festmahl stattfand. Weiter ging es dann bei frohem Tanz bis zum frühen Morgen. Das Fest fand Dienstagfrüh seinen Abschluß und am kommenden Sonntag gibt’s die Nachkerwei.

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aus NEUER WEG, Bukarest, 11. August 1981

Dienstag, 14. Mai 2019

Immer wieder Herta Müller

Der Versuch einer Annäherung ohne Rezensionsabsichten
Wie in allen Bereichen unseres Gesellschaftslebens werden auch in der Verlagsbranche kontinuierliche Verbesserungsprozesse als Existenzgrundlage wahrgenommen. Besonders auf Buchmessen und an Jubiläen sind Einfallsreichtum zum Ködern von Kunden gefragt. Ein für die deutsche Verlagslandschaft wichtiger Jubeltag fiel in den verflossenen Sommer: 50 Jahre Rowohlt Rotations Romane. Prompt tauchten in den Buchhandlungen Tische beladen mit Taschenbüchern im sogenannten Jubiläumsformat (9 x 14,5 cm) von 50 Autoren auf. Große Namen: Paul Auster, Wolfgang Borchert, Albert Camus, Vaclav Havel, Klaus Mann, Jean-Paul Sartre, Tilman Spengler, Kurt Tucholsky und viele andere.
Unser donauschwäbischer Bücherwurm überfliegt gelassen, nur so zum Zeitvertreib die Bücherstapel und siehe da, er wird fündig. Der Griff nach dem Buch ist spontan, selbstverständlich: Herta Müller - Drückender Tango, Erzählungen, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, Juli 1996, 200-ISBN 3 499 22080 6.
Dann liest er den Empfehlungstext auf dem Buchdeckel: „Was Herta Müller in die Reihe der besten deutschsprachigen Autorinnen versetzt, ist nicht allein ihre Fähigkeit, das grauenvolle Landleben der Banatschwaben zu erfassen – entscheidend ist die poetische Qualität der Herta Müller.“ (DER SPIEGEL)
Unmut. Was war an diesem Landleben der Banater Schwaben, abgesehen von den politisch und wirtschaftlich schwierigen Existenzbedingungen, so „grauenvoll“? Neugierde. Dann der Blick auf den Preis: DM 2,-. Spare hin, spare her. Zwaa Mark sin nemol forr e Herta Müller-Buch vill.
Zuhause angekommen, begibt der Donauschwabe aus dem Banat sich auf die Suche nach dem „grauenvollen Landleben“, in der Hoffnung, als Besänftigung seiner Verdrossenheit wenigstens in den Genuß von Herta Müllers „poetischer Qualität" zu kommen. Er liest.
Faule Birnen: „Die Decke überschlägt sich in langen Stößen. Die Tante stöhnt. Der Vater keucht. Das Bett zuckt in kurzen Stößen aus dem Holz. […] Hinter der Zimmerwand ächzt das Bett in kurzen Stößen. Die Mutter stöhnt. Der Vater keucht. Die Ebene ist vollgehängt mit schwarzen Betten und mit faulen Birnen.“
Wirklich grauenvoll. Wut. Aber so ist nun mal das Leben. Und nicht nur dort im Banat.
Drückender Tango: „Großmutter hängt ihren rasselnden Kranz aus weißen Steinchen an den Grabstein über Vaters Gesicht. Wo Vaters tiefe Augen sind, ist jetzt das rotentfleischte Herz der lächelnden Maria. Wo Vaters harte Lippen sind, ist jetzt die ungarische Schrift der Monarchie.“
Poetische Qualität. Allerheiligen bedrückt Kindergemüter und leitet ihre Phantasie in gespenstische Bahnen. Versöhnung.
Dorfchronik: „Der Bürgermeister, der im Dorf Richter genannt wird, hält im Gemeindehaus seine Sitzungen. Unter den Anwesenden gibt es Raucher, die abwesend rauchen, Nichtraucher, die nicht rauchen und schlafen, Alkoholiker, die im Dorf Säufer genannt werden und die Flaschen unter den Stühlen stehen haben, sowie Nichtalkoholiker und Nichtraucher, die schwachsinnig sind, was im Dorf anständig genannt wird, die so tun, als würden sie zuhören, die aber an etwas ganz anderes denken, falls es ihnen überhaupt gelingt, zu denken.“
Toll. Literarische Ethnographie mit spitzer Feder geschrieben und gegeißelte Politikvorgaukelei. Einverstanden.
Die große schwarze Achse: „Es stank nach faulem Fleisch. Meine Tante hob ihre Röcke. Ein heller Fleck stand unter der schwarzen Bluse. Der Fleck war breit, und gleicher war er als zwei Monde. Meine Tante wischte sich mit einem Grasbüschel den Hintern. Mein Onkel ging auf dem Bahndamm auf und ab. Er blieb kurz stehen und: ‚Menschenskind‘, rief er, ‚das stinkt ja wie die Pest.‘ Der Himmel roch nach Kot.“
Weltuntergangsstimmung. War diese Diasporagemeinschaft so tief gesunken, daß in Kinderaugen nur noch das Unmoralische haften blieb? Wer sagt denn, daß es verwerflich ist, wenn Leni von Ionel ein Kind bekommt? Wäre der kleine Franz auch vaterlos geblieben, wenn die einen die anderen nicht so verachtet hätten? Quälende Fragen. Verfluchter Text. Schnell weiter.
Drosselnacht: „Ich habe nichts gesehen von dieser Welt, darum versteh ich nichts. Nur denk ich so für mich, wenn ich das Laub über dem Hügel seh, daß unser Dorf so klein geblieben ist im großen Krug. Und keiner suchts und keiner findet es. Und für die Welt wars nur ein Angebot im Krieg. Die Wolken schwimmen jeden Morgen durch das Laub. Sie sind ein Blutband überm Hügel. Wer glaubt mir, daß es an der Drossel liegt, daß Martin starb.“
Beeindruckend. Ein Klagelied in Prosa gegen den Krieg. Davon gibt es zu wenige in allen Sprachen dieser Erde. Nachdenklichkeit.
Viele Räume sind unter der Haut: „Ein Soldat steht unterm Baum. Er hält die Mütze in der Hand. Er würgt. Hinter ihm steht ein Soldat. Der lacht. Er tritt an den Stamm. Fick deine Mutter, schreit er. Die Mütze fällt auf den Boden. Der Soldat erbricht an den Stamm.“
Ablehnung. Das ist nicht unsere Sprache. Diese Ausdrücke gab es nie bei uns. Sie klingen nur rumänisch. Dieses Bild ist verfälscht. Das Fremde aber hat die Farben schon gemischt.
Unser Leser schließt das handliche Büchlein. Er kennt diese Erzählungen. Sie stehen in seinem Bücherschrank mit anderen Herta-Müller-Büchern. Er wäre kein Banater Schwabe, trüge er nicht seit Jahren einen ohnmächtigen Groll im Herzen gegen diese Bücher. Jetzt hat er einiges aus ihren Innereien wieder gelesen und ist sich plötzlich nicht mehr so sicher. Da ist so viel, was am Ansehen kratzt.
Dann klappt der nachdenkliche Leser die Augenlider runter und blickt in die Gegenwart. Er sieht Machtkämpfe um des Kaisers Bart. Allerorts. Unten und oben. Und er denkt sich, Mensch ist Mensch, und es sind eben seine Schwächen – auch wenn sie nur in einzelnen Individuen zum Ausbruch kommen -, die den Stoff liefern, aus dem Literaturpreischancen geschmiedet sind.
Mark Jahr

aus DER DONAUSCHWABE, Aalen, 9. Februar 1997

Dienstag, 7. Mai 2019

Johrmarker Sprich un Sprichelcher - 123

Do is die Supp teirer wie's Fleisch.

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Gsammelt vum Frombach Franz alias Gerwer Franz  (1929 - 1999)

Freitag, 3. Mai 2019

Hundertste Kerwei in Tschakowa

75 Trachtenpaare machten mit / Gefeiert wurde auch in Großsanktpeter, Libling und Schandra

LG – Tschakowa. Nach der Großveranstaltung am vergangenen Sonntag gelegentlich der 100-Jahr-Feier der Ortsfeuerwehr wurde Samstag, Sonntag und Montag die 100. Kerwei gefeiert, ein Fest, das seit Wochen vorbereitet worden war, und an dem sich die ganze Dorfgemeinschaft beteiligte. Ferner waren viele Gäste gekommen, unter ihnen auch der Orgelkünstler Josef Gerstenengst. Zum Unterschied von anderen Jahren wurde diesmal schon Samstag zum Fest eingeladen und von den Jungen und Männern – es machten auch 25 Paare Verheiratete mit – die „Karten“ für Hut und Tüchl verkauft.
FotoQuelle: Archiv Potche
Unter den Klängen der Jahrmarkter Hans-Kaszner-Blasmusik erfolgte Sonntag in der Früh der Umzug durch die Gemeinde. Am Nachmittag wurde der Aufmarsch fortgesetzt, auf dem großen Platz stimmten 75 Paare – davon 11 Schulkinderpaare in schwäbischer Tracht – das Banat-Lied an, die Kinder führten einen Volkstanz auf, eingelernt von Lehrerin Eva Funk und Prof. Edith Tausch; Musik dazu machten die Brüder Eduard und Joschi Kuhn. Hannes Wegel und Werner Kato trugen ein Gedicht vor, das Edith Tausch und ihr Vater, Josef Kernweiß, aus diesem Anlass verfasst hatten. Die anschließende Unterhaltung im Kulturheimsaal begann mit den traditionellen „Aushalle“-Tänzen. Hier wurden auch Hut und Tüchl verlost. Gewinner wurde Joschi Kuhn, der mit der ganzen Kerweigesellschaft von der Musik nach Hause gespielt wurde. Hoch zu ging es auch auf der Kegelbahn, den Bock gewann Anton Belagy, der ihn der Kerweigesellschaft schenkte, und der somit gestern wieder „ausgescheiwelt“ wurde. Am Nachmittag spielte die Kaszner-Kapelle wieder zum Tanz auf. Am nächsten Sonntag findet die Nachkerwei und am Wochenende danach der „Paprikaschowed“ für die Kerweipaare statt. Hauptorganisatoren des Festes, eines der größten dieser Art in der Geschichte des Ortes, waren Vortänzer Mariechen und Hans Göbl, die Geldherrenpaare Marianne und Eduard Kuhn bzw. Ernest und Anni Schauberger, ferner Josef Wersching, Erwin Krisch, Joschi Kuhn, Martin Tausch, Michael Zeringer, Nikolaus Birkenhauer, Herbert Raber, Robert Balogh, Günther Österling, die „Kellermaster“ Hans Mayer und Peter Schummer. Volle Unterstützung erhielten die Veranstalter seitens der Gemeindeleitung, insbesondere von Vizebürgermeister Ioan Georgescu. Verantwortliche beim Kegeln waren Josef Müller und Gerhard Bradt.
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aus NEUE BANATER ZEITUNG, 11. August 1981

Dienstag, 23. April 2019

Arbeitsplätze sterben heimlich


Zum Bericht „Erleichterung über Frieden zwischen Autokonzernen“ vom 11./12. Januar:
Woher so viel Blauäugigkeit in dieser Republik? Glauben die Herren Schröder, Rexrodt und Zwickel wirklich, dass durch den Milliardendeal zwischen VW und GM bei den deutschen Autozulieferern und sogar in den Werken des VW-Konzerns keine Arbeitsplätze gefährdet sind, oder wurde die moralische Meßlatte für Entscheidungsprozesse in deutschen Konzernzentralen bereits so weit abgesenkt, dass es auf ein paar Arbeitslose mehr oder weniger sowieso nicht mehr ankommt?
In der Beurteilung dieses merkwürdigen Schuld- und Sühne-Pakts scheint sich eine tiefe Kluft zwischen den im Scheinwerferlicht und auf dem Börsenparkett erkannten „Erleichterungen“ und den an vielen Fließbändern empfundenen, teilweise nur im Flüsterton artikulierten und von den Medien kaum registrierten Sorgen aufzutun. Die wirklichen, meist schweißbedeckten Schmiedegesellen der oft bis zum Überdruß bemühten Wertschöpfungskette in der deutschen Automobilindustrie wissen längst, daß Arbeitsplätze still und heimlich sterben, nämlich dann, wenn Kameras und Bleistifte schon vom Tatort verschwunden sind.

Anton Potche

aus DONAUKURIER, Ingolstadt, 21. Januar 1997

Dienstag, 16. April 2019

Johrmarker Sprich un Sprichelcher - 122

Do is de Barthlmää drin.

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Gsammelt vum Frombach Franz alias Gerwer Franz  (1929 - 1999)