Ana Blandiana: Kopie eines
Alptraums; Steidl Verlag, Göttingen, 1990; ISBN 3-88243-158-X;
online erhältlich zu verschiedenen Preisen
Die
bekannteste zeitgenössische Schriftstellerin Rumäniens ist
zweifellos Ana
Blandiana. Für uns
Banater Schwaben ist ihr künstlerisches Schaffen nicht nur insofern
interessant, als sie eine gebürtige Temeswarerin ist (geboren am 25.
März 1942), sondern weil wir in ihrem Werk durchaus viele Passagen,
ja auch ganze Arbeiten finden, die uns wegen unserer geschichtlichen
Vergangenheit durchaus für das eine oder
andere Thema sensibilisieren können. Schon
kurz nach dem Sturz der Diktatur in Rumänien ist im Göttinger
Steidl-Verlag ein Band mit sechs Erzählungen der rumänischen
Schriftstellerin in einer sehr guten Übersetzung von Veronika
Riedel erschienen.
Die
literarischen Stoffe Ana Blandianas sind Produkte einer reich
sprießenden Phantasie. Ihre Ursprünge sind aber immer in einer noch
erkennbaren Realität zu finden. Wer selbst die Jahre der
kommunistischen Herrschaft in Rumänien miterlebt hat, wird die
ergiebig sprudelnde Einfallsquelle und den sich daraus bildenden
literarischen Strom leichter deuten können und beide (Quelle und
Strom) beim Lesen doppelt zu schätzen wissen.
Bereits
die erste Erzählung des Bandes Kopie eines Alptraums
konfrontiert uns mit einem Ereignis, das vielen Menschen des Banats
der fünfziger Jahre in böser Erinnerung geblieben ist. Aus der
Sichtweise eines Kindes beginnt Ana Blandiana in
Entwürfe der Vergangenheit zu erzählen. Da standen als
Erstes zwei von dem kleinen Mädchen mit Angst assoziierte Wörter im
Raum: „Bărăgan“ und „abholen“. Oder besser gesagt „abholen“
und „Bărăgan“, denn das Erste bedingte damals das Zweite.
Das
muss man sich mal vorstellen: Da wird eine Hochzeitsgesellschaft
brutal aufgelöst, in Kleingruppen zersplittert und in die
unwirtliche Steppe im Südosten Rumäniens verschleppt. Elf Jahre
lebt eine dieser Gruppen von der Außenwelt isoliert. Das Wissen der
Erzählerin über diese Geschehnisse stammt von ihrem Onkel Emil,
„durch dessen Augen ich das alles miterlebt habe“. Was sich im
Erzählfluss dann entwickelt, ist eine wahrhafte Robinsonade, die an
Spannung wegen den Verhaltensweisen der sehr unterschiedlichen
Gruppenmitglieder nichts zu wünschen übrig lässt.
Hochinteressant
die Narrationstechnik der Autorin: Sie wechselt sich einfach in der
Schilderung der Vorkommnisse mit ihrem Onkel ab und versucht auch,
dessen Sicht psychologisch zu ergründen. Was daraus resultiert, ist
die Erkenntnis, dass zurückliegende, selbst tragischste
Schicksalsschläge im Laufe der Zeit vom Schleier der Verklärung
überzogen werden können. Bei Onkel Emil wirkte sich das so aus:
„Mit zunehmendem Alter beschönigte er die schlimmen Leiden jener
Grenzsituation immer maßloser und stellte sie dem Durchschnittsleben
von heute gegenüber, wobei er unermüdlich und besessen immer
phantastischere und idealere Entwürfe der Vergangenheit
fabrizierte.“
Genau
dieser Satz begründet den Unterschied, der zwischen der stellenweise
recht abenteuerlichen, durch ihren literarischen Anspruch aber
durchaus gerechtfertigten Aufarbeitung der Bărăgan-Verschleppung Ana
Blandianas und den bedrückenden Erlebnisberichten, die in den
letzten Ausgaben der BANATER POST zu lesen waren, und in denen der
Phantasie kein Platz eingeräumt wird, liegt. Vielleicht ist in ihm
aber auch die Verlockung zu einer Absolutionserteilung durch die
kommunistische Zensur enthalten. Man erfährt nämlich – für den
einen oder anderen mag das vielleicht sogar die echte
Offenbarungsleistung dieses Buches sein – im Nachwort von Paul
Schuster, dass die Bărăgan-Erzählung „Entwürfe der
Vergangenheit“ und die anderen ebenso politisch brisanten
Geschichten schon 1982 in Rumänien in einem Band mit dem
Originaltitel Proiecte de trecut erschienen sind.
Anton Potche

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