Dienstag, 2. Juni 2026

Erzählungen aus der Unfreiheit

 
Ana Blandiana: Kopie eines Alptraums; Steidl Verlag, Göttingen, 1990; ISBN 3-88243-158-X; online erhältlich zu verschiedenen Preisen
Die bekannteste zeitgenössische Schriftstellerin Rumäniens ist zweifellos Ana Blandiana. Für uns Banater Schwaben ist ihr künstlerisches Schaffen nicht nur insofern interessant, als sie eine gebürtige Temeswarerin ist (geboren am 25. März 1942), sondern weil wir in ihrem Werk durchaus viele Passagen, ja auch ganze Arbeiten finden, die uns wegen unserer geschichtlichen Vergangenheit durchaus für das eine oder andere Thema sensibilisieren können. Schon kurz nach dem Sturz der Diktatur in Rumänien ist im Göttinger Steidl-Verlag ein Band mit sechs Erzählungen der rumänischen Schriftstellerin in einer sehr guten Übersetzung von Veronika Riedel erschienen.
Die literarischen Stoffe Ana Blandianas sind Produkte einer reich sprießenden Phantasie. Ihre Ursprünge sind aber immer in einer noch erkennbaren Realität zu finden. Wer selbst die Jahre der kommunistischen Herrschaft in Rumänien miterlebt hat, wird die ergiebig sprudelnde Einfallsquelle und den sich daraus bildenden literarischen Strom leichter deuten können und beide (Quelle und Strom) beim Lesen doppelt zu schätzen wissen.
Bereits die erste Erzählung des Bandes Kopie eines Alptraums konfrontiert uns mit einem Ereignis, das vielen Menschen des Banats der fünfziger Jahre in böser Erinnerung geblieben ist. Aus der Sichtweise eines Kindes beginnt Ana Blandiana in Entwürfe der Vergangenheit zu erzählen. Da standen als Erstes zwei von dem kleinen Mädchen mit Angst assoziierte Wörter im Raum: „Bărăgan“ und „abholen“. Oder besser gesagt „abholen“ und „Bărăgan“, denn das Erste bedingte damals das Zweite.
Das muss man sich mal vorstellen: Da wird eine Hochzeitsgesellschaft brutal aufgelöst, in Kleingruppen zersplittert und in die unwirtliche Steppe im Südosten Rumäniens verschleppt. Elf Jahre lebt eine dieser Gruppen von der Außenwelt isoliert. Das Wissen der Erzählerin über diese Geschehnisse stammt von ihrem Onkel Emil, „durch dessen Augen ich das alles miterlebt habe“. Was sich im Erzählfluss dann entwickelt, ist eine wahrhafte Robinsonade, die an Spannung wegen den Verhaltensweisen der sehr unterschiedlichen Gruppenmitglieder nichts zu wünschen übrig lässt.
Hochinteressant die Narrationstechnik der Autorin: Sie wechselt sich einfach in der Schilderung der Vorkommnisse mit ihrem Onkel ab und versucht auch, dessen Sicht psychologisch zu ergründen. Was daraus resultiert, ist die Erkenntnis, dass zurückliegende, selbst tragischste Schicksalsschläge im Laufe der Zeit vom Schleier der Verklärung überzogen werden können. Bei Onkel Emil wirkte sich das so aus: „Mit zunehmendem Alter beschönigte er die schlimmen Leiden jener Grenzsituation immer maßloser und stellte sie dem Durchschnittsleben von heute gegenüber, wobei er unermüdlich und besessen immer phantastischere und idealere Entwürfe der Vergangenheit fabrizierte.“
Genau dieser Satz begründet den Unterschied, der zwischen der stellenweise recht abenteuerlichen, durch ihren literarischen Anspruch aber durchaus gerechtfertigten Aufarbeitung der Bărăgan-Verschleppung Ana Blandianas und den bedrückenden Erlebnisberichten, die in den letzten Ausgaben der BANATER POST zu lesen waren, und in denen der Phantasie kein Platz eingeräumt wird, liegt. Vielleicht ist in ihm aber auch die Verlockung zu einer Absolutionserteilung durch die kommunistische Zensur enthalten. Man erfährt nämlich – für den einen oder anderen mag das vielleicht sogar die echte Offenbarungsleistung dieses Buches sein – im Nachwort von Paul Schuster, dass die Bărăgan-Erzählung „Entwürfe der Vergangenheit“ und die anderen ebenso politisch brisanten Geschichten schon 1982 in Rumänien in einem Band mit dem Originaltitel Proiecte de trecut erschienen sind.

Anton Potche

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