Dienstag, 23. April 2019

Arbeitsplätze sterben heimlich


Zum Bericht „Erleichterung über Frieden zwischen Autokonzernen“ vom 11./12. Januar:
Woher so viel Blauäugigkeit in dieser Republik? Glauben die Herren Schröder, Rexrodt und Zwickel wirklich, dass durch den Milliardendeal zwischen VW und GM bei den deutschen Autozulieferern und sogar in den Werken des VW-Konzerns keine Arbeitsplätze gefährdet sind, oder wurde die moralische Meßlatte für Entscheidungsprozesse in deutschen Konzernzentralen bereits so weit abgesenkt, dass es auf ein paar Arbeitslose mehr oder weniger sowieso nicht mehr ankommt?
In der Beurteilung dieses merkwürdigen Schuld- und Sühne-Pakts scheint sich eine tiefe Kluft zwischen den im Scheinwerferlicht und auf dem Börsenparkett erkannten „Erleichterungen“ und den an vielen Fließbändern empfundenen, teilweise nur im Flüsterton artikulierten und von den Medien kaum registrierten Sorgen aufzutun. Die wirklichen, meist schweißbedeckten Schmiedegesellen der oft bis zum Überdruß bemühten Wertschöpfungskette in der deutschen Automobilindustrie wissen längst, daß Arbeitsplätze still und heimlich sterben, nämlich dann, wenn Kameras und Bleistifte schon vom Tatort verschwunden sind.

Anton Potche

aus DONAUKURIER, Ingolstadt, 21. Januar 1997

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