Mittwoch, 10. April 2013

Der General in "Veranda"


"Der rumänische Verteidigungsminister ist heute Abend Gast in Dagobert Lindlaus Talkshow", sagte mir ein Arbeitskollege. Victor Stănculescu, ging es mir durch den Kopf, ein schillernder Name des rumänischen Umsturzes, ein Gewächs der roten Aristokratie, falls es so etwas überhaupt gibt. Aber was gibt es in Rumänien nicht alles an Gesellschaftsauswüchsen? Der 1928 geborene Atanasie Victor Stănculescu soll fließend französisch sprechen und von deutscher Militärliteratur beeindruckt sein. Schon sein Vater und Großvater waren Berufsoffiziere. Während der antikommunistischen Revolution ließ er sich angeblich einen Fuß in Gips legen, um an den von Ceauşescu angeordneten Unterdrückungsmaßnahmen nicht teilnehmen zu müssen. Schon seit 1985 war der General Ceauşescus Erster Stellvertretender Verteidigungsminister und ist zur Zeit Rumäniens Verteidigungsminister.
Wissen genug (allerdings aus dritter Hand), um auf den General neugierig zu sein und bei Feierabend schneller zu agieren, als es dem Meister lieb war. Also nichts wie heim vor den Bildschirm, die Videokassette rein und mithören, mitdenken, mitstaunen, mitärgern.
Der Generaloberst saß da wie aus der Schachtel. Diese Uniform, diese Sterne, nur die Stiefel fehlten. Ich mußte einmal einem die Stiefel putzen. Heute spür ich noch die Wut im Leib, wenn ich daran denke. Mein Urgroßvater erzählte mir mal voller Stolz, daß er dem General die Stiefel putzen durfte. So ändern sich die Zeiten. 
Die Sendung lief. Der Reporter war bemüht, konkret, direkt und je klarer zu fragen. Alles vergeblich. Der General war selbstsicher, sein Lächeln überlegen, aber nicht herausfordernd, und sein Entschluß, genügend zu reden, ohne sich jedoch die kleinste Blöße zu geben, unverkennbar.
Dagobert Lindlau: Warum ist er (Ceauşescu) so schnell an die Wand gestellt worden? Damit er nicht reden kann? 
Victor Stănculescu
Victor Stănculescu (sprach rumänisch, wurde von einem Übersetzer in Simultanübertragung übersetzt): Von außen gesehen, von weit entfernt gesehen, ist das das Bild, das die ganze Welt mitbekommen hat. Die Augenblicke, die wir in diesen Tagen durchlebt haben, als in verschiedenen Orten im Land geschossen worden ist, gegen die Armee auch geschossen worden ist, die diesen Revolutionsprozeß ja unterstützt hat, gab es den Wunsch, daß man möglichst schnell diesen Menschen aus dem Spiel bringt, nämlich jenen, der diese Konterrevolution weiterhin aufrechterhalten konnte. Das war eben Ceauşescu. Deshalb wurde auch diese Entscheidung getroffen. Sie wurde in der Nacht vom 24. auf den 25., also in der Weihnachtsnacht, getroffen.
Dagobert Lindlau: Sie haben mit Ceauşescu und seiner Frau gesprochen, während Sie die beiden zum Hubschrauber gebracht haben. Was ist da geredet worden?
Victor Stănculescu: Ich habe sie bis zum Aufzug gebracht, der im ersten Stockwerk stand und ich habe gesagt, daß sie los müßten, losfliegen müßten, denn es gibt hier keinen Ausweg mehr, keine Lösung mehr. Ich habe gewünscht, daß ich sie loslösen wollte, also von der Macht loslösen wollte.
Dagobert Lindlau: Wir wissen, daß das Militär zuständig war für die Ausbildung von Terroristen in Buzău in der Fallschirmjägerschule und in anderen Ausbildungslagern. Bisher haben wir geglaubt, das sei Sache der Securitate gewesen. Haben Sie davon gewußt?
Victor Stănculescu: Das ist keine unrichtige Information. Nein, es ist eine falsche Information. Wir haben nicht die Terroristen ausgebildet. In Buzău gab es eine Einheit. Dort war ja die wichtigste Fallschirmeinheit, die erste (oder 1.) auch. Dort haben wir keine Ausländer ausgebildet. Auf das Sie sich beziehen, möchte ich sagen, Sie beziehen sich also auf diese Schulen der Staatssicherheit, die auf der Grundlage internationaler Beziehungen, die gewünscht wurden, die durchgesetzt wurden, die diese Führungskräfte für das Ausland ausgebildet haben.
So ging es weiter mit Fragen und Antworten zu den Themen Demokratie, Parteienspektrum, Pressefreiheit und Rolle der Armee in der jetzigen politischen Konstellation Rumäniens.
Bei einem Dialogeinwurf des ebenfalls als Gesprächspartner geladenen ehemaligen Staatssekretärs Klaus Bölling verfiel der General sogar in die alten, von dem stotternden Ceauşescu so sehr geprägten Losungsantworten, die stets Zweifel an der Objektivität des im Ausland herrschenden Rumänienbildes beinhalteten: "Ich würde Herrn Bölling einladen, als mein Gast einen Besuch in Rumänien durchzumachen, um dort zu sehen, wie wir Demokratie realisieren. Es gibt einige Nuancen, die, das möchte ich noch einmal sagen, die vielleicht durch die Einflußnahme der französischen Ader oder durch andere Beziehungen, amerikanische, englische Verbindungen, die vielleicht nicht so exakt wiedergegeben werden."
Und dann kam Anneli Ute Gabanyi, die Rumänienexpertin schlechthin, zu Wort. Freilich ist es schwer, aus der Fülle ihres Wissens das Wichtigste und der Situation Gerechteste zu sagen. Nein, nein! Gottlob saß ich im Fernsehsessel und konnte unverletzt tiefer sinken. Was die Rumänienkennerin par excellence bot, war fast einhellige Zustimmung für den gewieften Taktiker, der es in dem Chaos der Revolution so gut verstand, im rechten Augenblick die Kurve zu nehmen. Kein Frontalangriff im offenen Feld, obwohl es in ihrem Buch "Die unvollendete Revolution" unmißverständlich heißt: "Der Prozeß gegen eine Gruppe von Securitate-Offizieren, die in Temeswar eingesetzt waren, wird von Beobachtern schlichtweg als 'Parodie' bezeichnet angesichts der Tatsache, daß hier untergeordnete Chargen vor Gericht gestellt werden, während die eigentlichen Verantwortlichen nicht einmal im Zeugenstand erscheinen müssen. Zu ihnen gehört zweifellos der ehemalige ZK-Sekretär Ion Coman, dem von Ceauşescu die Einsatzleitung der Militär- und Sicherheitskräfte in Temeswar übertragen worden war, aber auch Generale wie der derzeitige Verteidigungsminister Stănculescu und Innenminister Chiţac."
Waren es die großen Sterne des Generals, die sie verhinderten, offen zu provozieren? Aber was hätte es schon genutzt? Der Reporter hat all seine fachmännischen Tricks ins Feld geführt, mal naiv, mal zitatenreich fundiert, ohne dem General sensationelle Antworten entlocken zu können.
Dagobert Lindlaus Schlußworte sprechen Bände: "Meine Damen und Herren, ich habe heute eine ganze Menge gelernt. Darunter unter anderem, daß man auch das direkte Antworten auf eine direkte Frage lernen muß. Das sind wir sehr gewöhnt. Ich habe in meiner Berichterstattung aus Ihrem (zu Stănculescu) Land sehr oft erlebt, daß es eine bestimmte Art der Wortwahl gibt, die für uns schwer nachzuvollziehen ist."
Die Studiogäste der ARD-Sendung "Veranda" und die meisten Fernsehzuschauer waren so in der Mitternachtsstunde des 10. April um eine Erkenntnis reicher. Ich, und mit mir vielleicht einige wenige aus Rumänien stammende "Veranda"-Zuschauer, waren um eine Stunde Schlaf ärmer.
Anton Potche
aus BANATER POST, München, 20. Mai 1991 


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